"Feuertaufe" der Propaganda

Dr. Karin Germerdonk

Von Dr. Karin Germerdonk

20. September 2021

Am 1. September vor 82 Jahren begann der Zweite Weltkrieg mit dem Polenfeldzug, der für Propagandazwecke von Anfang an professionell in Bild und Ton festgehalten wurde. Es gibt Filmausschnitte, die zeigen, wie Soldaten einen Grenzbaum öffnen, wie wir heute wissen, wurde diese Szene nachträglich gedreht. Man kann Aufnahmen sehen, in denen eine Kolonne von Panzern und Kradfahrern mit Beiwagen von einer Straße in ein Feld abbiegen. Nicht zu vergessen ist das Kriegsschiff „Tirpitz“, von dem bei Danzig noch in der Nacht die ersten Schüssen fielen. Die Öffentlichkeit wird mit den Worten Hitlers informiert: „Ab 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“

Man erfährt viel von den Heeresbewegungen, vom dem Nicht-Angriffspakt zwischen Russland und dem Dritten Reich. Heute ist die damals geheime Absprache zwischen Russland und dem Dritten Reich, Polen einfach aufzuteilen, bekannt. Damals hat Stalin seine Truppen nach dem deutschen Angriff warten lassen und erst dann in Bewegung gesetzt, als Polen vor der Übermacht der deutschen Truppen kapitulieren musste.

Zu diesem Feldzug ist ein Dokumentarfilm („Feuertaufe. Der Film vom Einsatz unserer Luftwaffe im polnischen Feldzug“) gedreht worden, dessen Entstehungsgeschichte doch sehr interessant ist, denn Auftraggeber war das Ministerium von Hermann Goering, eben nicht Joseph Goebbels, dem das Ministerium für Propaganda und Volksaufklärung unterstand, wie man vielleicht zunächst denken könnte, so wie die Aufgabenverteilung unter den Ministerien vorgesehen war. Zunächst war also der Film nicht für die Öffentlichkeit gedacht, sondern für das Archiv. Im Zuge der Fertigstellung war jedoch die Führungsriege von dem Film so überzeugt, dass beschlossen wurde, diesen Film in die Kinos zu bringen. Damit war jedoch dann wieder Goebbels für die Fertigstellung und die Zensur zuständig, und hat sich, gerade in Bezug auf die Musik, in die Fertigstellung des Films eingebracht.

Für die filmische Dokumentation des Polenfeldzugs wurde der „Sondertrupp Bertram“ gegründet mit Hans Bertram als Regisseur an der Spitze, damals ein bekannter Flugpionier, beauftragt von Hermann Goering.

Man versprach sich spektakuläre Bilder, um die Öffentlichkeit von der Richtigkeit des Überfalls auf Polen zu überzeugen. Bertram war den Nazi-Größen bekannt, seit 1934 Mitglied der SA. Berühmt wurde Bertram durch seine spektakulären Flüge rund um die Welt, d.h. spektakulär waren zwar auch seine Flüge, aber die Notlandung in Timor bei einem Flug nach Australien und die dramatische Rettung nach 53 Tagen waren es, die ihn berühmt machten und über die Bertram geschrieben hat. Sein Buch „Flug in die Hölle“ wurde Bestseller.

  • Bertrams weiterer Lebenslauf: 1943 wollte er den Film „Symphonie des Lebens“ mit Harry Baur drehen. Der war jedoch Jude. Daraufhin wurde Bertram aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, also mit Berufsverbot belegt. Nach dem Krieg gründete Bertram die „Atlantis Filmgesellschaft“ (1947).Er starb am 8. Januar 1993 in München. –

Das Film-Material, das bei dem Polenfeldzug entstanden ist, wurde zu einem Dokumentarfilm „Feuertaufe. Der Film vom Einsatz unserer Luftwaffe im polnischen Feldzug“ zusammengestellt.

Die Absprachen für die Dokumentierung des Feldzuges müssen bereits vor Beginn des Krieges getroffen worden sein, denn vor Ort mussten die entsprechenden Kameras vorhanden sein. Damals war das Filmen noch wesentlich aufwendiger als heute, die Kameras groß, schwer und unhandlich. Zu dem „Sondertrupp Bertram“ gehörten 14 Kameraleute, denen drei eigene Flugzeuge zur Verfügung standen. Sieben Mitglieder des „Sondertrupps Bertram“ überlebten diesen Auftrag nicht und sind während des Polenfeldzugs gefallen. Etliche Kameras waren in Flugzeugen installiert, um atemberaubenden Aufnahmen machen zu können. Man wollte mit dem Film das Publikum erreichen und es sozusagen hautnah in den Kampf mitnehmen, ohne dass die Zuschauer den heimatlichen Kino-Sessel verlassen mussten.

Selbstverständlich gab es zu dem Film auch die entsprechende Musik. Der Komponist war der damals berühmte Norbert Schultze. In diesem Film wird die Musik auf zwei verschiedene Weisen eingesetzt. Zum einen untermalt die Musik die gezeigten Bilder. Zum anderen ist der Marsch „Bomben auf Polenland“ vorherrschend, der dann über den Film hinaus, jedoch mit einem variierten Text, berühmt wurde.

Der Sinn von Marschliedern ist zum einen, ein gewisses Gemeinschaftsgefühl herzustellen. Gemeinsames Singen, auch beim Marschieren, stellt ein besonderes Gefühl her. Zum anderen soll durch manche Texte der Kampfgeist der Soldaten gestärkt werden. Im Dritten Reich sollte mit dieser Musik nicht nur die Soldaten erreicht werden, sondern die ganze Öffentlichkeit. Vorgesehen war eine Verbrüderung der Gesellschaft mit den Soldaten, es sollte ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstehen. Genau dieser Effekt ist bei vielen Marschliedern erreicht worden.

1939 hatte Norbert Schultze zwar bereits sein berühmtes Lied „Lili Marleen“ komponiert, das bis heute um die Welt geht. Es war jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.

In seinen Erinnerungen sagt Schultze, er habe den Auftrag vor allem angenommen, um nicht als Soldat eingezogen zu werden. Die Arbeit an dem Film „Feuertaufe“ ist einer der ersten Filme für das NS-Regime. Zu seinem Werk gehören neben Opern vor allem Film-Musiken zu Filmen wie „Ich klage an“ oder „Kolberg“. Während den 12 Jahren der Hitler-Diktatur hat er in jedem Jahr für einen Film die Musik komponiert. Die Auswahl ist dementsprechend groß.

Seine Karriere ging nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des Drittes Reiches ziemlich problemlos weiter, er wurde von den Alliierten als „Mitläufer“ eingestuft. Nach dem Krieg konnte er nahtlos weiterkomponieren und hat viele weitere Filmmusiken geliefert. Schultze hat in seinem Testament festgelegt, dass alle Tantiemen aus seinen Werken, die während des Dritten Reiches entstanden sind, an das Deutsche Rote Kreuz gehen.

Für den Film „Feuertaufe“, der als Dokumentarfilm konzipiert ist, sollte Schultze sinfonische Musik zur Untermalung herstellen. Neben den Bildern und der Musik gab es nur noch einen Sprecher. Schultze sagte später, er habe zuerst die Musik komponiert, die die Bilder von der Zerstörung Warschaus untermalt, er hat sie elegisch gehalten. Eine andere Musik war ihm nicht möglich, da diese Musik die Stimmung des Zuschauers widerspiegeln würde.

Joseph Goebbels legte jedoch bei der Fertigstellung des Films „Feuertaufe“ Wert auf einen Schluss, den das (deutsche) Publikum positiv stimmen und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen sollte. Zu diesem Zweck bestand er auf ein Marschlied für die Luftwaffe, da diese Waffengattung bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen eigenen Marsch hatte.

Norbert Schultze war von der Idee ganz angetan, ein Lied für alle Soldaten zu komponieren, Wilhelm Stöppler, der für das Drehbuch „Feuertaufe“ verantwortlich war, verfasste den Text, Hans Steinkopf bearbeitete die Partitur. Herausgekommen ist „Bomben auf Polenland“, ein Marsch, stark rhythmisch, mit einem forschen Text und einer eingängigen Melodie, vor allem der Refrain.

Der Polenfeldzug war innerhalb weniger Wochen abgeschlossen. Frankreich und England hatten nach dem Angriff auf Polen am 3. September 1939 Deutschland den Krieg erklärt. Die Musik des Marsches jedoch überdauerte und ist in einer späteren Version bekannt geworden. Da heißt es dann „Bomben auf Engelland“. Die Strophen wurden einfach umgeschrieben und als Ziel des neuen Angriffs England gewählt. Es waren nur minimale Änderungen notwendig. In der zweiten Strophe wurden zwei Verse  ausgetauscht, eine weitere Strophe kam hinzu. „Bomben auf Engelland“ wurde sehr bekannt.

Der Filmtheoretiker Siegfried Kracauer bemerkte aus dem Exil in den USA 1942 in seiner Studie „Propaganda and the Nazi War Film“ zu diesem Film:

»Wie das visuelle Element mit dem Kommentar verknüpft ist, wird dadurch bestimmt, daß ein Großteil der Propaganda nur durch Bilder ausgedrückt wird. Die Bilder beschränken sich nicht darauf, den Kommentar zu illustrieren, sondern neigen im Gegenteil dazu, ein Eigenleben anzunehmen, das, statt parallel zum Kommentar zu verlaufen, manchmal seinen eigenen Lauf nimmt (...). Die Nazis wußten, daß Anspielungen tiefer reichen als Behauptungen und daß die kontrapunktische Beziehung von Bild und verbaler Aussage vermutlich das Gewicht des Bildes verstärken und es zu einem stärkeren emotionalen Stimulus machen würde.«

Zu beachten bleibt aber, dass im Film die Fakten vollkommen verdreht werden. Das „Filmportal“  beschreibt den Film als „menschenverachtende und geschichtsverfälschende Propaganda-Montage, die den Überfall auf Polen als heroischen Siegeszug der deutschen Luftwaffe“ inszeniere. „Mit erheblichem technischen Aufwand produziert, blendet der Film entsprechend des nationalsozialistischen Programms die polnischen Opfer des Angriffskrieges völlig aus. Auch die spektakulären Luftaufnahmen der Flächenbombardements funktionieren ausschließlich im Sinne einer technikbegeisterten Waffenschau, weshalb der Film zumal aus heutiger Sicht ein gleichermaßen zynisches wie aufschlussreiches Indiz für die inhumane NS-Militärdoktrin liefert.“[ http://www.filmportal.de/film/feuertaufe-der-film-vom-einsatz-unserer-luftwaffe-im-polnischen-feldzug_cf2627acca304beeba59a778cdd194bc].

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands wurde dieses Lied von dem Alliierten Kontrollrat verboten.


Regie

  • Hans Bertram

Drehbuch

  • Hans Bertram
  • Wilhelm Stöppler

Kamera

  • Erwin Bleeck-Wagner
  • Walter Conz
  • Erich Doerk
  • Wolfgang Goßmann
  • Hans Imber
  • Heinz von Jaworsky
  • Arthur Anwander
  • Artur Lincke
  • Bruno Lötsch
  • Günther Petrusch
  • Heinz Ritter
  • Wilhelm Siem
  • H. O. Schulze
  • Heinz Witte

Schnitt

  • Carl Otto Bartning

Ton

  • Heinz Opitz
  • Siegfried Schulze
  • Helmut Güttinger

Musik

  • Norbert Schultze

Sprecher

  • Herbert Gernot

Produktionsfirma

  • Tobis-Filmkunst GmbH (Berlin)

im Auftrag von

  • Reichsluftfahrtministerium (Berlin)

Produktionsleitung

  • Wilhelm Stöppler

Prädikat

    • bis 1945: Staatspolitisch wertvoll
    • Bis 1945: Kulturell wertvoll
    • bis 1945: Volksbildend
    • bis 1945: Jugendwert

Länge: 2462 m, 90 min

Format: 35mm, 1:1.33

Bild/Ton: s/w, Tobis-Klangfilm

Prüfung/Zensur: Zensur (DE): 03.04.1940, B.53564, Jugendfrei / ohne Spielhandlung / Lehrfilm / Feiertagsfrei

Aufführung: Uraufführung (DE): 05.04.1940, Berlin, Ufa-Palast am Zoo



Bomben auf Polenland

Wir fühlen in Horsten und Höhen
Des Adlers verwegenes Glück!
Wir steigen zum Tor
Der Sonne empor,
Wir lassen die Erde zurück.

Kamerad! Kamerad!
Alle Mädels müssen warten!
Kamerad! Kamerad!
Der Befehl ist da, wir starten!
Kamerad! Kamerad!
Die Losung ist bekannt:
Ran an den Feind!
Ran an den Feind!
Bomben auf Polenland!

Wir stellen den polnischen Adler
Zum letzten entscheidenden Schlag.
Wir halten Gericht.
Der Feind zerbricht.
Das wird unser stolzester Tag!
Kamerad! Kamerad! Alle Mädels . . . .

Wir fliegen zur Weichsel und Warthe
Wir fliegen ins polnische Land
Wir trafen es schwer
Das feindliche Heer
Mit Blitzen und Bomben und Brand
Kamerad! Kamerad! Alle Mädels . . .

|: Hört ihr die Motoren singen:
   Ran an den Feind!
   Hört ihr's in den Ohren klingen:
   Ran an den Feind!
   Bomben! Bomben!
   Bomben auf Polenland! :|

 

Bomben auf Engelland


Wilhelm Stöppler

Wir fühlen in Horsten und Höhen

 Des Adlers verwegenes Glück!

Wir steigen zum Tor Der Sonne empor,

Wir lassen die Erde zurück.

Kamerad! Kamerad!

Alle Mädels müssen warten!

Kamerad! Kamerad!

Der Befehl ist da, wir starten!

Kamerad! Kamerad!

Die Losung ist bekannt:

Ran an den Feind!

Ran an den Feind!

Bomben auf Engelland!

Hört ihr die Motoren singen:

Ran an den Feind!

Hört ihr's in den Ohren klingen:

 Ran an den Feind!

Bomben! Bomben!

Bomben auf Engelland!

Wir stellen den britischen Löwen

Zum letzten entscheidenden Schlag.

Wir halten Gericht.

Ein Weltreich zerbricht.

 Das wird unser stolzester Tag!

Kamerad! Kamerad!

Alle Mädels . . . .

Wir fliegen zur Weichsel und Warthe

Wir fliegen ins polnische Land

Wir trafen es schwer

Das feindliche Heer

Mit Blitzen und Bomben und Brand

Kamerad! Kamerad!

Alle Mädels . . . .

So wurde die jüngste der Waffen

Im Feuer getauft und geweiht.

Vom Rhein bis zum Meer,

Das fliegende Heer,

So steh'n wir zum Einsatz bereit.

 

Deutsche Soldaten öffnen Schlagbaum: © By Bundesarchiv, Bild 146-1979-056-18A / Sönnke, Hans / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de,

Blick aus einer Bugkanzel einer He 111:© By Bundesarchiv, Bild 183-B27833 / Stempka / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de,

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