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Alma Rosé


   © Wolfgang Wendel

„Antisemitismus ist keine Meinung.
Er ist eine Perversion.
Eine Perversion, die tötet.“

Rede Jacques Chirac am 25. Januar 2005 anlässlich der Einweihung des „Mémorial de la Shoah“ in Paris.
© Logaritmo

Alma Rosé

Mai 1939: Alma Rosé erreichte zusammen mit ihrem Vater London, einem der wenigen rettenden Orte für Verfolgte aus dem Dritten Reich. Sie waren in Sicherheit, konnten endlich wieder ohne Angst vor Hetze und Diskriminierung leben. Alma Rosé hätte vielleicht wie ihr Bruder Alfred auch einen Weg in die USA gefunden. Oder sie wäre in England geblieben und hätte sich mit irgendwelchen Jobs über Wasser gehalten und einfach nur überlebt. Genau das, was die meisten anderen in dieser Situa-tion getan hatten: Die Chance zu ergreifen, das eigene Leben und das der Familie zu retten, auch wenn das eigene Ideal – vielleicht nur vorübergehend – außer Sicht gerät.
Frankreich Internierungslager Drancy
Frankreich, Internierungslager Drancy im August 1941.
© Bundesarchiv, Bild 183-B10919
Doch sie entschied sich anders: Im November 1939, der Zweite Weltkrieg war bereits voll im Gange, ging sie zurück nach Amsterdam. Zurück auf den Kontinent, auf dem die Nationalsozialisten ihr tödli-ches Vernichtungswerk an den europäischen Juden zu beginnen, die Endlösung. Alma Rosé wusste sehr genau, wie gefährlich ihr Unterfangen war. Sie lebte vor ihrer Flucht in Wien und war dort un-mittelbar von den Folgen für die Ausgrenzung der jüdischen Menschen nach dem Anschluss Öster-reichs an das Deutsche Reich 1938 betroffen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie ein Gleichgewicht zwischen Leben und Musizieren gefunden, trotz aller Schwierigkeiten im privaten Bereich. Sie war eine erfolgreiche Violinistin, hatte ihr Damenensemble „Die Wiener Walzermädel“ sehr erfolgreich seit 1933 geführt und ebenso wie ihr Vater, der Gründer des Rosé-Quartetts, viele Erfolge gefeiert.
 „Mai1939“ Auschwitz, Kinderzeichnung, Bild von Wolfgang Wendel

Auschwitz, Kinderzeichnung.
© Wolfgang Wendel

In London im Mai 1939 angekommen, wollte sie weiterhin wie vorher auch ihren Lebensunterhalt und den ihres Vaters mithilfe ihrer Musik finanzieren. Dieses war ihr jedoch in England nicht möglich gewesen, denn sie erhielt für sie nicht im ausreichenden Maß Engagements. Sie setzte also alles in Bewegung, um wieder musizieren zu können. Ihre Idee: Zurück auf den Kontinent, nach Amsterdam; denn dort gab es Auftrittsmöglichkeiten für sie. Die Möglichkeit zur Rückkehr nach London innerhalb von fünf Monaten war ihr zugesichert worden. Sie wollte unbedingt musizieren, um ihren Unterhalt mit ihrer Geige zu verdienen. Sie sah keine andere Möglichkeit als diesen gefährlichen Weg, um in ihrer Welt der Musik zu bleiben. Denn sie lebte Musik. Ihre Liebe zur Musik, ihr Drang zu musizieren setzte sie über ihr eigenes Leben.
Alma und Arnold Rosé
Alma Rosé mit ihrem Vater.
© Wolfgang Wendel
Zitat: „Vielleicht war dies für sie selbst die einzige Möglichkeit, nicht den Verstand zu verlieren. Sie zog uns alle in den Bann ihres Wahns, aus dem Repertoire, das wir spielten, etwas Perfektes zu ma-chen – und gerade damit half sie uns, daß auch wir nicht den Verstand verloren.“
Anita Lasker-Wallfisch: Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz. Erinnerungen.“, rororo, Reinbek bei Hamburg 2000, S. 131
Alma Rosé.
© Wolfgang Wendel

Zur Person:

Wer war Alma Rosé?

Alma Rosé, die Nichte von Gustav Mahler, die den Vornamen seiner Frau Alma trägt, ist geboren am 3. November 1906 in Wien. Ihr Vater Arnold Rosé war der Gründer des Rosé-Quartetts, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr erfolgreich war. Alma Rosé wuchs also in einer musikalisch führenden Wiener Familie auf. Dies bedeutet einen fast täglichen und dadurch wie selbstverständlichen Umgang mit großen Persönlichkeiten der Wiener Gesellschaft, vor allem der Musiker, Dirigenten und Komponisten, sowie ein großes Repertoire an musikalischem Wissen und Kenntnissen. Sie war sich Zeit ihres Lebens der Verantwortung bewusst, mit der sie ihre musikalische Begabung verband. Sie wollte genauso wie ihr Vater und ihr Onkel ihr Talent auf höchstem Niveau der Gesellschaft präsentieren.

1927 lernte sie den tschechischen Musiker Váša Pŕíhoda kennen und verliebte sich in ihn. Die beiden heirateten am 16. September 1930. Váša Pŕíhoda verdiente als Violinvirtuose so gut, dass er eine große Villa in Zariby an der Elbe bauen ließ, in der er mit seiner Frau Alma und seinen Eltern wohnen konnte. Trotz der gemeinsamen Liebe zur Musik und zum Musizieren lebte sich das Paar bald auseinander und ging getrennte Wege. Der logische Schritt war die Scheidung, die 1936 erfolgte.

1933, im Jahr der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland, gründete Alma Rosé ein Ensemble, das nur aus jungen Frauen bestand und nannte es „Wiener Walzermädel“. Mit diesem Frauenorchester ging sie erfolgreich quer durch Europa auf Tournee.

Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 und dem Einmarsch in Österreich 1938 änderte sich für die Familie Rosé wie auch für jede andere jüdische Familie das Leben aufgrund der Rassenpolitik der Nationalsozialisten radikal: Ein normales bürgerliches Leben wurde unmöglich, sie wurden vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, diskriminiert und verfolgt. Viele jüdische Künstler, so auch die Familie Rosé, konnten sich nicht vorstellen, mit welcher gnadenlosen Vehemenz und brutaler Konsequenz die Nationalsozialisten nicht nur in Deutschland, sondern auch in denen von ihnen besetzten Ländern ihre politischen Vorstellungen durchsetzten. Es lag außerhalb jeder Imagination, dass es per Gesetz jüdischen Musikerinnen und Musikern vorgeschrieben wurde, welche Werke sie spielen durften, nämlich nur noch Werke jüdischer Komponisten. Der einzige Grund: Sie waren jüdischen Glaubens. Es gab viele weitere Verbote für Menschen jüdischen Glaubens, die letztendlich die Diskriminierung, physische und psychische Vernichtung bedeuteten. Die systematische Deportation und fabrikmäßige Ermordung von Menschen war und ist etwas Ungeheuerliches, Undenkbares, Unfassbares und Unentschuldbares.

Alma Rosé mit ihrem Ehemann Vasa Prihoda 1930.
© Wolfgang Wendel

Alma Rosé dirigiert in Auschwitz

Alma Rosé dirigiert das Mädchenorchester in Auschwitz.
© Wolfgang Wendel

Ein weiterer persönlicher Schicksalsschlag war der Tod von Justine Rosé, der Mutter von Alma Rosé, die nach langer Krankheit am 22. August 1938 verstarb.

Das Schicksal von Alma Rosé ist einzigartig. Sie war zusammen mit ihrem Vater im Frühjahr 1939 nach London emigriert. Ihr Vater blieb dort und war in Sicherheit. Er überlebte.

In England war es ihr und ihrem Vater allerdings nicht möglich, ihren Beruf als Musiker auszuüben. Besessen von dem Wunsch musizieren zu können, ging sie im November 1939 nach Amsterdam, denn von dort hatte sie Auftrittsangebote erhalten. Zunächst schaffte sie es, mithilfe ihres Berufes als Musikerin und Dirigentin Geld zu verdienen und ihren Vater in London finanziell zu unterstützen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Überfall auf die Niederlande veränderten ihr Leben wiederum dramatisch. Nach dem Einmarsch der Deutschen und der Okkupation der Niederlande 1940 wurde ihre Lage sehr kompliziert.

Schließlich versuchte sie in die Schweiz zu fliehen, sie wurde auf der Flucht dorthin jedoch am 19. Dezember 1942 in Dijon (Frankreich) verhaftet, im Lager Drancy bei Paris interniert und von dort am 18. Juli 1943 nach Ausschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurde sie von der Lagerkommandantur zur Leiterin des Mädchenorchesters bestimmt und ermöglichte so vielen anderen Lagerinsassinnen, darunter Anita Lasker-Wallfisch und Esther Bejerano, das Überleben. Sie war geradezu besessen und spornte damit alle diejenigen, die mit ihr musizierten und arbeiteten, zu Höchstleistungen an. Auch in Auschwitz. In dem Vernichtungslager, in dem der Tod ständig und überall präsent war, durch den Geruch verbrannten Menschenfleisches, durch die rußgeschwängerte Luft, durch die Geräusche, durch den Stacheldraht, die Scheinwerfer, die Schreie des Wachpersonals. Alma Rosé war in dieser lebensfeindlichen Umgebung fähig, ihre Musikerinnen in ihr Reich der Musik zu ziehen und ihnen so das Überleben zu sichern.

Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 und dem Einmarsch in Österreich 1938 änderte sich für die Familie Rosé wie auch für jede andere jüdische Familie das Leben aufgrund der Rassenpolitik der Nationalsozialisten radikal: Ein normales bürgerliches Leben wurde unmöglich, sie wurden vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, diskriminiert und verfolgt. Viele jüdische Künstler, so auch die Familie Rosé, konnten sich nicht vorstellen, mit welcher gnadenlosen Vehemenz und brutaler Konsequenz die Nationalsozialisten nicht nur in Deutschland, sondern auch in denen von ihnen besetzten Ländern ihre politischen Vorstellungen durchsetzten. Es lag außerhalb jeder Imagination, dass es per Gesetz jüdischen Musikerinnen und Musikern vorgeschrieben wurde, welche Werke sie spielen durften, nämlich nur noch Werke jüdischer Komponisten. Der einzige Grund: Sie waren jüdischen Glaubens. Es gab viele weitere Verbote für Menschen jüdischen Glaubens, die letztendlich die Diskriminierung, physische und psychische Vernichtung bedeuteten. Die systematische Deportation und fabrikmäßige Ermordung von Menschen war und ist etwas Ungeheuerliches, Undenkbares, Unfassbares und Unentschuldbares.

Sie wusste und spürte instinktiv, dass nur das Musizieren auf höchstem Niveau ihren Musikerinnen das Überleben möglich machen wird: Eine Meisterleistung unter diesen Bedingungen sich der Musik hingeben zu können, Bach oder Mozart zu spielen in einer wahrhaft menschenverachtenden Hölle.

Wirklich erstaunlich ist das „Mitleid“ des Wachpersonals mit den Instrumenten, für die ein Ofen genehmigt wurde. Begründung: Die Instrumente leiden zu sehr unter der Kälte. Wohlgemerkt: Die Instrumente, nicht die Menschen.

Sie selbst überlebte diese Hölle nicht. Die unmenschlichen Lagerbedingungen kosteten Alma Rosé das Leben: Nach einem Konzert mit ihrem Orchester sollte sie am 3. April 1944 eine Feier des Wachpersonals mit ihrem Geigenspiel begleiten. Was sie dort zu sich genommen hat, ist nicht überliefert. Es ist nur bekannt, dass sie unmittelbar nach diesem Abend erkrankte. Sie verstarb am 4. April 1944.

Ihr Vater überlebte in England den Krieg, erlebte den Untergang Nazi-Deutschlands. Anita Lasker-Wallfisch hatte ihn kurz vor seinem Tod noch besucht. Sie konnte ihm von der ungeheuren Leistung seiner Tochter erzählen und ihm berichten, dass seine Tochter Alma nicht im Gas umkam. Er starb am 25. August 1946 in London.

Im Gegensatz zu anderen Musikern aus dieser Zeit ist von Alma Rosé nur eine einzige Aufnahme aus dem Jahr 1928 überliefert: Sie spielt zusammen mit ihrem Vater das Doppelkonzert d-moll von Johann Sebastian Bach, BWV 1043.

Alma Rosé Sonntagskonzert demoiré

Sonntagskonzert in Auschwitz
© Wolfgang Wendel, Bild fehlt!

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Alma Rosé

Das Forum Alma Rosé ist als Ort der Sensibilisierung gedacht gegen musikalische, sprachliche und endlich gegen jede gesellschaftliche Ausgrenzung von jüdischen Menschen, Sinti und Roma, ethnischen Minderheiten, Andersdenkenden und Andersgläubigen, dem vermeintlich „Anderen“. Die aktive Auseinandersetzung mit Geschichte, Musik und Kultur aus jener Zeit kann hilfreich sein, um eine stillschweigende Zustimmung durch passives Verhalten weiter Teile der Gesellschaft wie in der Weimarer Republik zu verhindern. Ziel ist es, die „Guten“ aus dem Passiven ins Aktive zu lotsen.

Nuremberg Laws­ Racial­ Charts
Tafeln zu den Nürnberger Rassegesetzen
© Public Domain
Nuremberg Laws­ Racial­ Charts

Rundfunkempfänger
© Ve301w CC BY-SA 3.0

Musik und Literatur nehmen auf, was in einer Gesellschaft virulent ist bzw. was in der Luft liegt, aber von den meisten Zeitgenossen – noch – nicht wahrgenommen wird. Anhand dieser Zeitzeichen kann die Entwicklung einer Gesellschaft durch wissenschaftliche Analyse und Interpretation von den Nachgeborenen nachvollzogen werden. Gerade die Zeitspanne von 1918 bis 1945 ist von grundlegenden gesellschaftspolitischen Spannungen geprägt, die in Deutschland und Österreich dennoch durchaus sehr verschieden ausgetragen werden.

Im Forum Alma Rosé geht es darum, wie Komponisten und Musiker mit den gesellschaftspolitischen Veränderungen umgehen und wie sie diese in Musik umsetzen. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wird der geänderte Gebrauch von Musik wichtig, denn durch die enorme technische Entwicklungen ergeben sich bis dahin nie geahnte Möglichkeiten: Zuhörer müssen sich weder im gleichen Raum noch zur gleichen Zeit aufhalten wie die ausübenden Musiker, um Musik hören zu können. Die Entwicklung der Tonträger macht es möglich, dass Musik sozusagen überall abgespielt und gehört werden kann.

Ein weiterer extrem wichtiger Meilenstein ist die Entwicklung und der Aufbau des Rundfunks und des Kinos. Mit diesen beiden Medien kann ein Millionen-Publikum gleichzeitig angesprochen werden. Diese Tatsache wird sich später Joseph Goebbels nach der Machtübernahme 1933 als Minister für Volksaufklärung und Propaganda zunutze machen. Er erkennt sofort das Potential der neuen Medien: Musik als wunderbares Transportmittel für die NS-Ideologie.

Damit wird ein weiterer, sehr wichtiger Aspekt angesprochen, nämlich der zunehmende Missbrauch von Musik durch die Politik. In totalitären Regimen wie dem Nationalsozialismus in Deutschland wird selbst Unterhaltungsmusik, die eigentlich nur erfreuen will, zu einem politischen Statement.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist ideologisch sehr aufgeheizt. In Deutschland und Österreich konnten nach dem Wegfall der Zensur alle Parteien legal auftreten und ihre Meinungen äußern. Die Spannungen zwischen dem ganz linken und dem ganz rechten parteipolitischen Spektrum nahmen im Lauf der Jahre immer mehr zu. Die Weimarer Republik blieb gekennzeichnet durch die heftigen Straßenkämpfe der jeweiligen Kampftruppen dieser Parteien. Jede Gruppierung hat ihre Musik, die die jeweilige Ideologie vertonen und dadurch transportieren. Musik kann das Böse im Menschen aktivieren, kann zu Hass und Ausgrenzung, ja schlimmstenfalls zu Mord und Totschlag aufrufen. Musik ist durchaus beides: trennend und zusammenführend. Sie ist ebenso ambivalent wie der Mensch selbst.

Nuremberg Laws­ Racial­ Charts
Judenstern:
© By Daniel Ullrich, Threedots – Own work, CC BY-SA 3.0
Dieses Zeichen diente zur Ausgrenzung und Stigmatisierung jener Menschen, die nach den Nürn-berger Rassegesetzen von 1935 als Juden galten. Ab dem 1. September 1941 wurde das sichtbare Tragen des Judensterns für die betroffenen Menschen Pflicht.

Aufgrund der Machenschaften der Nazis sind etliche Künstler bis heute aus dem Repertoire gefallen. Im Forum „Alma Rosé“ wird die Musik und Literatur derjenigen thematisiert, die von den Nationalsozialisten verfolgt, ermordet und vernichtet wurden. Zum Teil haben die Nationalsozialisten so gründlich gewütet, dass fast nichts mehr an diese Persönlichkeiten erinnert. Denn wer kennt noch die Namen der Musikerinnen und Musiker von damals oder spielt heute noch Werke jener Komponistinnen und Komponisten, die vor 1933 fest im deutschen Musikbetrieb integriert waren? Ist das Licht derer tatsächlich für immer erloschen? Dann hätten die Nazis ihr Ziel erreicht und die Kultur für immer verändert, nein verengt, einen großen Teil ausgegrenzt, ausgemerzt. Es kann und darf nicht sein, dass die Stiefel der deutschen SS diese Lebenslichter ausgetreten haben. Das Forum Alma Rosé soll der Ort sein, an dem das Licht der Erinnerung weiterbrennt.

Als Namensgeberin und damit quasi als Patin für das Forum habe ich Alma Rosé gewählt, die Nichte von Gustav Mahler, eine faszinierende Violinistin und Dirigentin, eine große Persönlichkeit, die ihr Leben für die Musik hingab.

Deutschland

An der Seite der Habsburger Monarchie Österreich-Ungarn hatte das Deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II. den Ersten Weltkrieg verloren. Im November 1918 kam es zur Revolution, ausgelöst durch den Aufstand der Matrosen in Kiel. Die Unruhen breiteten sich über das ganze Land aus, die durch die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und durch die Abdankung des Kaisers beendet wurden. Doch statt sich konsolidieren zu können, war die Weimarer Republik andauernden Anfeindungen durch „innere Feinde“ ausgesetzt, die Verfassung und demokratische Ordnung vehement ablehnten und auch vor Waffengebrauch nicht zurückschreckten.

12 Bundesarchiv 183 J0908 0600 002 Novemberrevolution Matrosenaufstand

Novemberrevolution Matrosenaufstand von 1918.
© Bundesarchiv Bild 183-J0908-0600-002

Eine weitere Schwierigkeit stellte die wirtschaftliche Situation dar. Ausgelöst durch die enorm hohen Reparationszahlungen kam es 1923 zu einer Hyperinflation, begleitet von einem Heer von Arbeitslosen und verarmten Familien, die sich kaum selbst ernähren konnten und auf soziale Zuwendungen angewiesen waren. Erst durch die Einführung der Rentenmark durch Reichskanzler Gustav Stresemann konnte sich die angespannte Lage allmählich konsolidieren. Die sich anschließenden Jahre werden als die „Goldenen Zwanziger“ bezeichnet mit einer unglaublichen Fülle von Konzerten, Aufführungen, Varietés. Das Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs war der „Black Friday“, der Börsenkrach vom 24. Oktober 1929 in New York, der eine Weltwirtschaftskrise zur Folge hatte.

13 inflationsgeld 1143181 1920 100 Mill

100 Millionen Reichsmark Inflationsgeld
© Public Domain

Die Weimarer Republik zerbrach an sich selbst, zerstört von innen heraus. Die Machtübernahme Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 war dennoch keine Zwangsläufigkeit, sondern Folge der Leidenschaftslosigkeit, mit der die demokratischen Parteien, Hitler und den Nationalsozialisten das politische Feld überließen. Hitler schaffte es innerhalb weniger Wochen die demokratischen Strukturen der Weimarer Republik zu zerstören. Formal bestand das Deutsche Reich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs jedoch weiter, es wurde jetzt das Dritte Reich genannt.

Österreich

Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch die Siegermächte aufgelöst, das Kaisertum sowie der gesamte Adel mitsamt seinen Vorrechten abgeschafft. Aus ehemaligen Kronländern wurden unabhängige Nationalstaaten mit Grenzziehungen, die auf Ethnien keine Rücksicht nahmen. Eine Fusion von Rest-Österreich mit Deutschland wurde von den Siegermächten untersagt. In Österreich herrschte jedoch unmittelbar nach dem verlorenen Krieg überwiegend die Meinung, dass das nun so klein gewordene Österreich nicht überlebensfähig sei. Die Umwandlung der Ersten Republik (1918 – 1934) zum autoritären Ständestaat durch Engelbert Dollfuß 1934 war der erste Schritt der Österreicher, ihr Land als eigenständigen Nationalstaat zu akzeptieren und gilt somit als Gründungsdatum eines eigenständigen österreichischen Patriotismus. Nach der Ermordung von Dollfuß beim Juliputsch 1934 durch den österreichischen Nationalsozialisten Otto Planetta kam Kurt Schuschnigg an die Macht. Er blieb bis zum 11. März 1938 im Amt, also bis kurz vor dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Von den Nationalsozialisten wurde er sofort als Schutzhäftling inhaftiert und war in verschiedenen Konzentrationslagern. Der Anschluss an das Deutsche Reich wurde von Arthur Seyß-Inquart vollzogen.

14 Bundesarchiv 146 1985 083 10 Anschluss Oesterreich Wien

Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich März 1938;
Wien bei dem Einmarsch der deutschen Truppen
© Bundesarchiv Bild 146-1985-083-10

Der sogenannte Austrofaschismus stand weder auf der Seite des Nationalsozialismus, daran hinderte ihn vor allem der starke Klerikalismus der Dollfuß-Anhänger und der eben genannte neuentstandene österreichische Patriotismus, noch auf der Seite des faschistischen Italiens mit Benito Mussolini als Duce. Da Dollfuß alle Gegner, vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten, des Ständestaats ausgeschaltet hatte, war im März 1938 beim sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich kein nennenswerter Widerstand dagegen mehr vorhanden.

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