Rezension: Umberto Eco, "Der ewige Faschismus"

Dr. Karin Germerdonk

Von Dr. Karin Germerdonk

18. Dezember 2020

ARTK CT0 9783446265769 0001„… warum titulierten … linksradikale Amerikaner einen Polizisten, dem ihre Rauchergewohnheiten nicht gefielen, als fascist pig? Warum sagten sie nicht falangist pig, cagoulard pig, ustasha pig, nazi pig? (Umberto Eco in „Der ewige Faschismus“, S. 21).
In dem Essay „Der ewige Faschismus“ differenziert Umberto Eco sehr genau zwischen Faschismus und Nationalsozialismus, denn beide Begriffe sind nicht deckungsgleich. Steht der eine Begriff unverwechselbar und eindeutig für den vollkommenen Totalitarismus, ist der andere Begriff offen, viele rechte Richtungen zeigen ähnliche Merkmale.
Eco erläutert, dass der Nationalsozialismus mit dem Buch von Adolf Hitler „Mein Kampf“ auf ein politisches Programm zurückgreifen kann. Der Nationalsozialismus definiert sich durch „eine Theorie des Rassismus und des Ariertums, einen präzisen Begriff von degenerierter („entarteter“) Kunst, eine Philosophie des Willens zur Macht und des „Übermenschens““ (ebd. S. 21f.). Der Nationalsozialismus ist wie der Stalinismus eindeutig ein totalitäres Regime.
Im Gegensatz dazu ist die Philosophie des Faschismus von Mussolini schwach, ist „keine eigene Philosophie“ (ebd. S. 22). Der italienische Faschismus ist, historisch betrachtet, die „erste Rechtsdiktatur“ (ebd. S. 23). Aufgrund dessen kann sie als Vorbild für alle nachfolgenden rechten Diktaturen dienen. Zur „Sammelbezeichnung oder einem Pars pro Toto für verschiedene totalitäre Bewegungen“ (ebd., S. 23) wird der Faschismus aufgrund seiner Eigenschaft, dass der Faschismus immer als solcher „erkennbar bleibt, wenn man ein oder mehrere Merkmale abzieht. Ziehen wir den Imperialismus vom Faschismus ab, so haben wir immer noch Franco und Salazar. Ziehen wir den Kolonialismus ab, so haben wir noch den Balkanfaschismus der Ustascha. Fügen wir dem italienischen Faschismus einen radikalen Antikapitalismus hinzu (der Mussolini nie interessiert hat), so haben wir Ezra Pound…“ (ebd. S 29.)
Eco geht es aber hier nicht um Wertigkeiten, sondern um Erkennungszeichen, woran man Faschismus, faschistische Ideen und Verhaltensweisen erkennen kann. Umberto Eco zählt vierzehn Merkmale auf, die kennzeichnend für jede rechte Ideologie sind, die also faschistisches Gedankengut ausdrücken.
• „Kult der Überlieferung“ (ebd., S. 30)
• „Ablehnung der Moderne“ (ebd., S. 32)
• „Kult der Aktion um der Aktion willen“ (ebd. S. 32)
• Keine Kritik (ebd. S. 33)
• „Angst vor dem Andersartigen“ (ebd. S. 33)
• „Appell an die frustrierten Mittelklassen“ (ebd. S. 33)
• „Appell an die Fremdenfeindlichkeit“ (ebd. S. 34f.)
• Demütigung durch den offen gezeigten Reichtum und Stärke der Feinde (ebd. S. 34f.)
• Urfaschismus = Leben für den Kampf. Darauf ergibt sich eine angestrebte „Endlösung“, die ein Leben nach dem Kampf ermöglichen soll. Ein Widerspruch in sich, der nicht aufgelöst werden kann. (ebd. S. 35)
• Elitedenken impliziert Verachtung der Schwachen (ebd. S. 35f.)
• „Kult des Heroismus“, eng verbunden mit „Kult des Todes“ (ebd. S. 36)
• „Machismo“, gleichbedeutend mit „Ablehnung und Verurteilung aller nicht zum Standard gehörende Sexualpraktiken“ (ebd. S. 37)
• „Selektiver oder qualitativer Populismus“, der Urfaschismus stellt sich „gegen die „verrotteten“ parlamentarischen Regime“ (ebd. S. 38)
• „Der Urfaschismus spricht Newspeak“, „verarmtes Vokabular und eine versimpelte Syntax, um das Instrumentarium für komplexes und kritisches Denken zu begrenzen (ebd. S.38).
Diese Aufzählung von Merkmalen, die den Faschismus kennzeichnen, ist das Herzstück dieses Essays: Eine Checkliste , anhand derer man faschistisches Gedankengut erkennen kann. Diese Checkliste sollte jeder parat haben, der sich mit rechter Ideologie auseinander setzen will oder muss.
Ich finde diesen Essay, deshalb so wichtig und interessant, weil Umberto Eco den Faschismus nicht aus der Perspektive eines Politikwissenschaftlers oder Historikers betrachtet, seine perzeption ist die der Semiotik, der wissenschaftlicher Lehre der Zeichen. Eco war Professor für Semiotik, Lehrstuhlinhaber an der Universität Bologna seit 1975 bis zu seiner Emeritierung 2007. Vielen jedoch ist er bekannt vor allem als Schriftsteller und Publizist. Sein Metier war das Lesen und Deuten von Zeichen jeglicher Art.
Zum Gedenken an den 50. Jahrestag der Befreiung Italiens vom Faschismus hielt Umberto Eco 1995 einen Vortrag im Rahmen eines Symposions an der Columbia University, New York (USA). Aus diesem Vortrag ist der Aufsatz „Der ewige Faschismus“ hervorgegangen, in dem er sich mit dem Sprachgebrauch der Faschisten auseinandersetzt. Der Jahrestag bezieht sich auf die endgültige Befreiung vom Faschismus, dessen Entwicklung in Italien 1922 als Antwort auf die kommunistische Revolution in Russland von 1917 gilt. Der Faschismus übernimmt „interessante soziale Reformen [als] „Alternative zur kommunistischen Bedrohung“ (ebd. S. 23). Der Jahrestag bezieht sich auch nicht auf die Absetzung und Verhaftung Mussolinis (25. Juli 1943) durch den „großen faschistischen Rat“. In den darauf folgenden zwei Jahren zwischen 1943 und 1945 herrschte in Italien Partisanenkrieg: Vom Süden her kamen die Amerikaner, im Norden wüteten die Deutschen, die Mussolini befreiten und eine Marionettenregierung errichteten, genannt „Republica Sociale Italiana“ in Salò am Gardasee.
Auf diese Zeit und auf dem Moment der endgültigen Befreiung nimmt Eco in seinem Aufsatz Bezug. Daten, Fakten, Verträge und Geschehnisse lässt Umberto Eco fast gänzlich außer Acht. Eco hat also eine gänzlich andere Sichtweise auf den Faschismus als Historiker, für die die Machtergreifung Mussolinis, seine Absetzung und sein Tod mit zu den entscheidenden Ereignissen gehören.
Eco geht in seinen Betrachtungen auf den Sprachgebrauch der Faschisten ein. Damit greift er das Phänomen des Faschismus von einer zeitlosen Perspektive auf. Gerade durch die Zeitlosigkeit ist auf einmal das Thema Faschismus erschreckend aktuell, auch 100 Jahre nach seiner Entstehung, denn er legt seinen Fokus nicht auf die Frage, wer regiert, welche Gesetze erlassen werden, welche Verträge existieren. Er registriert jedoch genau, was gesprochen wird. Denn ein großer Schritt ist es, einen Gedankengang in Worte zu kleiden und dann auszusprechen. Damit ist die Idee in der Welt. Der Schritt zum Handeln wird mit jedem Aussprechen kleiner.
Der Vortrag ist vor 25 Jahren gehalten worden, aber er ist bis heute aktuell und genauso wichtig, wenn nicht aktueller und wichtiger als damals, als Eco ihn geschrieben und gehalten hat. An aktueller Brisanz hat er im Zeitalter des Populismus nichts verloren.

 

Umberto Eco:

Der ewige Faschismus

Übersetzt aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber

Vorwort von Roberto Saviano

80 Seiten

ISBN 978-3-446-26576-9

€ 10,00 (D)

€ 10,30 (A)

Bild Umberto Eco © By Erinc Salor - cropped form File:Eco,_Umberto.jpg, CC BY-SA 2.0,

 

 

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