„Ich möchte eine kleine Bibliothek mit all den Büchern einrichten, die ich nach der Liquidierung des Krakauer Gettos vor der Vernichtung bewahrt habe“, erklärt ihm Hillgruber.“ Dann würden die Soldaten ihre Freizeit nicht mehr damit verbringen, sich irgendwo herumzutreiben, zu spielen und sich zu betrinken … Allerdings finde ich einfach keinen Soldaten, dem ich dieses literarische Erbe guten Gewissens anvertrauen könnte, damit er es katalogisiert …“
(Andrea Frediani: „Endstation Hoffnung. Il Bibliotecario di Auschwitz. Der ultimative Roman über den Holocaust“, Salon Literatur Verlag, München 2024, S. 149)
Der Ort, dessen Sinn nur der Tod war, ein Todeslager, in dem die Schornsteine der Krematorien rund um die Uhr rauchten und alles mit schwarzer Asche bedeckten, als Ort für Kultur, Literatur und Musik – das scheint diametral entgegengesetzt zu sein. Und doch gab es in Auschwitz gleich sechs Orchester, deren Mitglieder musizierten beim Ein- und Ausmarsch der Häftlinge zur Zwangsarbeit, bei Hinrichtungen und an der berüchtigten Todesrampe, bei der die halb tot in Viehwaggons ankommenden Personen selektiert wurden: Entweder sofort in die Gaskammern oder erst ins Lager, auch dort wartet der Tod bereits. Alles Anlässe, bei denen man klassische Musik nicht vermutet.
Warum sollte es nicht auch einen Bibliothekar in einem KZ gegeben haben?! Andrea Frediani greift in seinem Roman „Endstation Hoffnung. Il Bibliotecario di Auschwitz“ eine wahre Begebenheit auf, die sich 1942 in Drohobytsch, Ostgalizien, abspielte. Ostgalizien war bis in die 1930er Jahre ein bedeutendes Zentrum jüdischer Kultur, das durch den Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Zuges des Überfalls auf die Sowjetunion beim Russland-Feldzug ab 1941 systematisch zerstört wurde. Die jüdische Bevölkerung wurde entweder bei den Massenexekutionen sofort erschossen oder in die Ghettos Lemberg und Drohobytsch deportiert und von dort aus im Vernichtungslager Belzec ermordet. Bruno Schulz (1892-1942), berühmter polnischer Schriftsteller, Maler und Zeichner, musste 1941 ins Ghetto Drohobytsch umsiedeln, wurde dort zum „Leibjuden“ von SS-Hauptscharführer Felix Landau, der sein Talent erkannte und ihn die Zimmer in seinem Haus mit Motiven aus Grimms Märchen bemalen ließ. Schulz wurde am 19. November 1941, dem „Wilden Donnerstag“ (eine Vergeltungsaktion der SS), auf offener Straße von Karl Günther erschossen als Racheakt für die Ermordung „seines“ Leibarztes durch Felix Landau tags zuvor.
Andrea Frediani lässt diese Geschichte zwei Jahre später seinen Protagonisten Isaia Maylaender in Auschwitz erleben. Isaia Maylaender, Professor für Literatur in Fiume, Italien, erzählt aus seiner Perspektive als lyrisches Ich, wie er 1944 zusammen mit seinen Eltern, die mit ihm ihre goldene Hochzeit gefeiert hätten, aus Ungarn im Viehwaggon nach Auschwitz deportiert wird. Nach der Selektion an der Todesrampe werden seine Eltern noch am Ankunftstag in den Gaskammern ermordet. Isaia Maylaender schildert detailliert, was er in Auschwitz erleben muss, wie er systematisch physisch und psychisch durch die Vorgänge und Verhaltensweisen des SS-Wachpersonals regelrecht entmenschlicht und erniedrigt wird.
Wie ein roter Faden durchzieht sich die Schilderung der Rivalitäten, die innerhalb der verschiedenen Personengruppen herrschen, jeder ist auf jeden eifersüchtig und bedacht, die eigene Privilegien zu schützen. Dies gilt für das Wachpersonal wie auch für die Insassen. Jedoch sind Isaia Maylaender und seine Leidensgenossen aufeinander angewiesen, gerade bei der Arbeit wenn das Wachpersonal anwesend ist, um die unmenschlichen Bedingungen zu überstehen.
Die Arbeit im Sonderkommando bei den Gaskammern – Isaia Maylaender muss die Leichen bergen und zu den Krematorien bringen – führt ihn fast bis zur Vernichtung. Nur die Sehnsucht nach Kultur und Literatur lässt in ihm fast übernatürliche Kräfte wachsen. Das bringt ihn mit SS-Hauptsturmführer Bodo Hillgruber zusammen, der für das Wachpersonal eine Bibliothek aufbauen will.
Da die Rote Armee der Sowjets immer näher an Auschwitz vorrückt, verlangt Hillgruber von Isaia Maylaender, der nun zu seinem „Leibjuden“ geworden ist, eine beschönigende Schilderung seines Lebens, damit er im Falle der Gefangennahme durch die Sowjets am Leben gelassen wird. Diese „Memoiren“ erscheinen im Buch auch in Ich-Form geschrieben, allerdings kursiv gesetzt zur Unterscheidung von der Hauptebene. Eine sehr reizvolle Verschränkung zweier Ebenen, die die Verstrickung der beiden Hauptprotagonisten miteinander aufzeigt, denn Isaia Maylaender nutzt beim Schreiben der sog. Memoiren von Hillgruber die Möglichkeit, das perfide System der Nazis zu offenbaren.
Eine weitere Ebene ist sein Verhältnis zu Helga Hillgruber, das erst entstehen kann, nachdem Isaia Maylaender zum Privatlehrer von Helmut Hillgruber wird, dem kleinen Sohn von Helga und Bodo Hillgruber. Isaia Maylaender bringt ihm Lesen und Schreiben bei.
Im Roman fließen Ereignisse wie der D-Day, das Attentat vom 20. Juli 1944 und später das Vorrücken der Roten Armee mit ein, die sich unmittelbar auf das Verhalten des Wachpersonals auswirken. Die Situation spitzt sich immer weiter zu bis zum großen Showdown am Ende des Buches.
Andrea Frediani beschreibt die Vorgänge in Auschwitz aus einer großen zeitlichen Distanz. Seine temperamentvolle Schilderung ergibt bis zum Schluss einen dramatischen Spannungsbogen. Er zeigt in seinem Roman die verschiedenen Bedeutungen von Kultur und Literatur: Für die Insassen im KZ ist der Bereich von Kultur, Literatur und Musik ein imaginärer Ort der Kraft und Zuflucht, eine heile Welt, in der noch alles in Ordnung ist. Das SS-Wachpersonal steht der Kultur, die von den Insassen kommt, ziemlich gleichgültig gegenüber.
Andrea Frediani (geb. 1963 in Rom) hat an der“Sapienza. Universita die Roma“ Literaturwissenschaften mit Schwerpunkt mittelalterliche Geschichte studiert. Mittlerweile hat er in Italien, seinem Publikationsschwerpunkt, bereits über 60 Bücher veröffentlicht, die bis jetzt über eine Million mal verkauft worden sind. Den größten Anteil seiner Werke bilden historische Romane mit Themen aus der römischen Geschichte des Altertums und Mittelalters, mit denen er komplexe Sachverhalte verständlich darstellen möchte. Seine Sachkenntnisse als Historiker fließen auch in seinem Roman „Endstation Hoffnung“ ein. Das Interessante bei seinem Buch "Endstation Hoffnung" ist, dass der Roman eine Fiktion ist, jedoch genauso hätte passieren können. Dichterische Freiheit auf der Ebene der Wahrheit.
Die deutsche Ausgabe des Buches von Andrea Frediani beruht auf der Initiative der Übersetzerin Sandra Hubmann. Sie fing mit der Übertragung ins Deutsche an, ohne zu wissen, ob sie für den Deutschen Markt einen Verleger finden kann. Durch den Kontakt zum Verleger Franz Westner konnte das Buch in seinem Salon LiteraturVerlag 2024 herauskommen.
Diese Buch ist nicht zu verwechseln mit „Die Bibliothekarin von Auschwitz“ (2020) von dem spanischen Autor Antonio Iturbe, der sein Buch nach der wahren Geschichte von Dita Kraus geschrieben hat, einer Überlebenden von Auschwitz. Sie wurde als Kind nach Auschwitz deportiert und kam ins Kinderlager Block 31, das von Fredy Hirsch (11.02.1916 Aachen – 8.03.1944 Auschwitz) betreut wurde. Er übergab ihr, sie war 14 Jahre alt, acht Bücher, die sie verstecken und schützen musste. Diese Bücher bildeten die Grundlage für Unterricht in einer Schule. Der Besitz von Büchern war für Insassen in Auschwitz strengstens verboten. Fredy Hirsch betreute tatsächlich im sog. Familienlager den Kinderblock Block 31. Er gehörte zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des jüdischen Widerstands in Auschwitz. Er überlebte jedoch Auschwitz nicht im Gegensatz zu Dita Kraus, die ihre Geschichte Antonio Iturbe erzählen konnte.
Die große, schier unübersichtlich erscheinende Literatur über Auschwitz, das das Symbol des Zivilisationsbruch der Nazis ist, lässt sich in mehrere Kategorien einteilen: Zunächst sind es Fach- und Sachbücher, die mit wissenschaftlichen Methoden in verschiedenen Fachbereichen an dieses Thema herangehen. Dann gibt es zahlreiche autobiographischen Berichte und Bücher von Überlebenden, die sich ihren grauenhaften Erinnerungen stellen und der Nachwelt von ihrem Leben berichten, das durch das Erlebte in Auschwitz für immer verändert ist. Genannt seien die Bücher von Primo Levi „Ist das ein Mensch“, Elie Wiesel: „Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis“, Ruth Klüger: „Weiter leben: eine Jugend“ oder Anita Lasker-Wallfisch: „Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz“. Sie sind Zeugnisse von dem, was dort tatsächlich passiert ist und sind wesentliche Elemente unserer Erinnerungskultur.
Gerade der autobiographische Roman von Primo Levi, das er unmittelbar nach der Befreiung von Auschwitz und Rückkehr nach Italien nieder geschrieben hat, hat durch seine hohe Qualität Maßstäbe gesetzt.
Die fiktionalen Bücher über die Geschehnisse in Auschwitz beruhen in der Regel auf wahren Geschichten, die von dem jeweiligen Autor zu einem fiktionalen Roman weiter verarbeitet werden. Sie beruhen in der Regel auf Begebenheiten, die tatsächlich passiert sind. Sie sind also im gewissen Sinn eine Mischung aus Wahrheit und Phantasie.
Die breite Öffentlichkeit wurde erst von der Fernsehserie „Holocaust“ angeregt, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Sie lief zuerst im Januar 1978 in den USA und wurde ein Jahr später in den Dritten Programmen der ARD gezeigt. In der vierteiligen Serie wird das Schicksal dreier Familien während der NS-Zeit dargestellt: Die jüdische Familie Weiss sowie die „arischen“ Familien Dorf und Helms. Auf einmal war Geschichte mit persönlichen Schicksalen verbunden, die zwar fiktional, aber dennoch nachfühlbar waren. Hinter dem Wort „Holocaust“ stand nicht mehr eine abstrakte Zahl („über 6 Millionen ermorderter europäischer Juden“), sondern Gesichter, die sich eingeprägt haben. Das hat die Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Thema für eine breite Öffentlichkeit möglich gemacht.
Erwähnte Bücher
Andrea Frediani (geb. 1963 Rom)
„Endstation Hoffnung. Il Bibliotecario di Auschwitz“
Salon LiteraturVerlag München 2024
Antonio Iturbe (geb. 1967)
„Die Bibliothekarin von Auschwitz. Roman nach einer wahren Geschichte“
Piper Verlag: München 2022
Primo Levi (31.07.1919 Turin – 11.04.1987 Turin)
„Ist das ein Mensch“ (1947),
1. Auflage im Verlag Francexco de Silva, Turin 1947
Durchbruch erst 1958 bei Neuauflage im Verlag Einaudi Turin
In Deutschland im Hanser Verlag und bei dtv
Elie Wiesel (1928 – 2.07.2016)
„Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis“
Herder Verlag Freiburg 1958,
Ruth Klüger (30.10.1931 Wien–5.10.2020 Irvine, Kalifornien, USA
„Weiter leben: eine Jugend“:
Wallstein Verlag, Göttingen 1992
Anita Lasker-Wallfisch (geb. 17.07.1925 Breslau)
„Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz“
Rowohlt, Hamburg 2007
Bild: Andrea Frediani © GigliolaChristè
Cover: Endstation Hoffnung.Il Bibliotecario di Auschwitz. Der ultimative Roman über Auschwitz. München, Salon LiteraturVerlag 2024
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