Widerstand im Dritten Reich

Dr. Karin Germerdonk

Von Dr. Karin Germerdonk

07. September 2026

Es war während des Dritten Reichs ein bewusster Akt, sich gegen die Mehrheitshaltung der Gesellschaft zu stellen, denn man musste immer Angst haben vor Verrat, vor Verfolgung, Verhaftung, Folter und Hinrichtung, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die eigene Familie, für seine Freunde und Angehörigen, die von den Nazis in Sippenhaft genommen werden konnten.

Denjenigen, die sich anders verhalten haben als die Mehrheit der Gesellschaft, diente ihr eigener moralischer Kompass als Orientierung bei dem, was sie tagtäglich taten. Er zeigte jedoch in eine andere Richtung als die von den Nazis vorgegebene. Sie haben die Ziele, Verhaltensweisen und Gesetzgebung der Nazis als extremes Unrecht wahrgenommen, gegen das man sich zur Wehr setzen muss, ein Ziel, für das man womöglich bereit sein musste, sein eigenes Leben zu riskieren und hinzugeben.

Die Spannweite von Verhaltensweisen, die nicht mit den von den Nazis geforderten Einstellungen übereinstimmt, war enorm vielfältig: Einige Personen weigerten sich konsequent mit "Heil Hitler" zu grüßen, was eigentlich nur eine Lappalie ist, die heute nicht der Rede wert wäre. Damals konnte man wegen dieser Verhaltensweise im KZ landen.

Etliche "Stille Helden" versteckten Juden und ermöglichten ihnen so das Überleben. Sie blieben lange Zeit unbekannt. Für sie war es selbstverständlich, verfolgten Menschen zu helfen. Für die Mehrheit der Gesellschaft damals schien der Antisemitismus der Nazis, der vor allem Juden auf unglaublich brutale Weise aus der Gesellschaft ausschloss, vollkommen normal zu sein, denn kaum jemand wehrte sich gegen Ausgrenzung, Verfolgung und Inhaftierung. Man schaute einfach weg.

Während des Dritten Reichs gab es in Deutschland in fast jeder gesellschaftlichen Gruppierung irgendeine Form von Widerstand. Etliche Gruppierungen sind uns heute bekannt wie z.B. "Die Rote Kapelle", "Die Weiße Rose", "Der Kreisauer Kreis", "Die bekennende Kirche", "Das Attentat 20. Juli", der Widerstand der Gewerkschaften, der SPD, der Kommunisten, der "MAN-Widerstand" sowie Personen wie Georg Elser, die ganz alleine gehandelt haben. Sie alle haben sich bewusst gegen gesellschaftspolitische Ziele der Nazis gestellt und sind deswegen in den Widerstand gegangen.

Man könnte denken, dass sich grenzübergreifend ein weitgespanntes Geflecht aus verschiedenen Widerstandsgruppen gebildet hätte, alle vereint in der vehementen Ablehnung des damaligen deutschen Regimes. Aber interessanter Weise ist dieses jedoch zu keinem Zeitpunkt erfolgt, obwohl auch in den besetzen Gebieten außerhalb des Deutschen Reichs sich Widerstand regte. Die gesellschaftlichen Gruppen und Persönlichkeiten, die in den von den Nazis besetzten Gebieten Widerstand geleistet haben, haben durch ihr Verhalten ihr Land, ihre Nation vor dem Angriff und Übernahme der feindlichen nationalsozialistischen Macht schützen wollen. Sie alle waren bereit, für Gerechtigkeit zu sterben.

Und dann wiederum ergaben sich Situationen, in denen Personen durch die Ideologie der Nazis auf einmal vollkommen von der Gesellschaft ausgeschlossen und verfolgt wurden, nur weil sie jüdisch waren, eine homosexuelle Neigung aufwiesen, kommunistisch waren, eine geistige oder körperliche Behinderung hatten, oder als asozial gebrandmarkt wurden. Sie wurden von den Nazis aufgrund bestimmter Merkmale ins Exil getrieben oder verfolgt, inhaftiert und ermordet. Sie waren Opfer der Nazis. Sie mussten sich aufgrund dieser Verfolgung anders als gewohnt verhalten, um überleben zu können.

Es war in den 1930er und 1940er Jahren für jüdische Menschen und für alle anderen Verfolgten sehr schwierig, geeignete Fluchtrouten zu finden und vor allem Aufnahme in andere Länder zu erreichen, denn fast alle Länder hatten in dieser Zeit hohe Einwanderungshürden, besonders für jüdische Menschen. Die meisten Flüchtlinge waren froh, nach gelungener Flucht ein sicheren Ort erreicht zu haben. Diesen wieder zu verlassen, nach Deutschland oder in die besetzten Gebiete zurückzukehren, kam den meisten nicht in den Sinn. Diejenigen, die diesen Weg wählten, waren in der Regel politisch engagiert und gehörten zum Widerstand wie z. B. Jean Moulin, der ins besetzte Frankreich zurückkehrte, um die verschiedenen Widerstandsgruppen in Frankreich, sowohl im freien wie auch im besetzten Teil Frankreichs, zur "Résistance" zu vereinen und anzuführen. Ohne seinen Einsatz wäre die "Résistance" nicht so erfolgreich gewesen wie sie es war. Doch leider wurde er am 21. Juni 1943 verraten und von den Nazis gefangen genommen. Klaus Barbie, Gestapo-Chef von Lyon, folterte ihn so heftig, dass Jean Moulin am 8. Juli 1943 den Verletzungen erlag. Er wird in Frankreich bis heute als absoluter Held verehrt.

Musik und Kultur

Der scheinbar unpolitische Bereich von Musik und Kultur wurden sehr stark von den Nazis reguliert, denn zum einen war nur "arische" Musik und Kultur erlaubt, zum anderen stand dieser Bereich auch nur "Ariern" offen sowohl zum Ausüben wie auch zum Konsumieren. Damit wurde jede Tätigkeit in diesem Bereich zu einem gesellschaftspolitischen Statement, denn der gesamte Bereich der Kultur wurde vom Reichspropagandaminister Joseph Goebbels als Propagandamittel eingesetzt, so dass die Bevölkerung in ihrem Sinne möglichst ohne bewusste Wahrnehmung manipuliert wurde.

Goebbels führte für alle, die im Bereich Kunst, Musik und Kultur tätig waren, die Zwangsmitgliedschaft in der Reichskulturkammer mit sieben Untergruppen ein, die jedoch nur „Ariern“ offen stand. Für alle anderen, die nicht in die Reichskulturkammer aufgenommen wurden, kam dieser Schritt einem Berufsverbot gleich. Als Alternative standen jüdischen Künstlerinnen und Künstlern der Jüdische Kulturbund zur Verfügung, der jedoch 1941 endgültig geschlossen wurde.

Die „Edelweißpiraten“

Bereits zu Beginn der Naziherrschaft wurden Kinder und Jugendliche in der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädels organisiert, deren Mitgliedschaft ab 1939 verpflichtend war. In diesen Gruppen wurde von Anfang an auch viel gesungen: Das gemeinsame Musizieren stärkte das Gemeinschaftsgefühl. Es gab extra Liederbücher für die Hitlerjugend, in denen zahlreiche Lieder aufgeführt wurden. Die Inhalte waren sehr genau auf die Ziele der Nazis abgestimmt, denn durch das häufige Wiederholen dieser Lieder wurde die Nazi-Ideologie, die hinter diesen Musikstücken stand, bereits den Kindern regelrecht eingeimpft.

Durch diese Zensur führte schon das Hören, Musizieren und Komponieren verbotener Musik oder das Lesen nicht erlaubter Literatur zu Ausgrenzung, Verfolgung und Verhaftung. In verschiedenen Orten im Rheinland haben sich Jugendliche zu Gruppen zusammengeschlossen und sich „Edelweißpiraten“ genannt. Es war ein bewusster Schritt, sich nicht von den Nazis vereinnahmen zu lassen. Sie haben sich der Zwangsmitgliedschaft in der Hitler-Jugend widersetzt. Zu den Gruppen, die überregional bekannt geworden sind, gehörte die Gruppe, die sich in Köln-Ehrenfeld um Hans Steinbrück gebildet hat. Sie fühlten sich wie alle anderen „Edelweißgruppen“ von den Nazis zu stark gegängelt und bevorzugten ihre gemeinsamen Treffen, bei denen sie das tun konnten, was ihnen gefiel, die Lieder singen und die Musik machen, die sie liebten.

Gerade wegen dieser Haltung wurden sie von den Nazis systematisch ausgegrenzt, in die Illegalität und somit in die Kriminalität gedrängt, gnadenlos verfolgt und inhaftiert. Die meisten Mitglieder wurden grausam hingerichtet, obwohl sie Kinder waren. Das Tragische bei den "Edelweißpiraten" ist, dass sie nach dem Krieg über viele Jahrzehnte keine Wiedergutmachung erfahren haben. Die gleichen Staatsanwälte und Richter, die sie während des Dritten Reichs verfolgt und verurteilt haben, waren wieder in Amt und Würden und haben wieder ähnlich über sie wie während des Dritten Reichs geurteilt. Die "Edelweißpiraten" konnten erst Gerechtigkeit erfahren, als diese Generation in Ruhestand gegangen ist.

Alma Rosé

Und dann wiederum ergaben sich Situationen, in denen Personen sich durch den Antisemitismus der Nazis, der in der "Endlösung der Judenfrage" gipfelte, auf einmal von Tode bedroht sahen. Sie wurden auf brutale Art und Weise von ihrer gewohnten Umgebung und Verhaltensweisen, ihren Familienangehörigen und Freunden getrennt und wussten nicht, ob sie überleben werden.

Alma Rosé, die Nichte von Gustav Mahler, politisch nicht engagiert, war sich ihrer gesellschaftspolitischen Stellung bewusst, denn als Mitglied der Familie Mahler/Rosé gehörte sie zur den führenden Gruppe von MusikerInnen und KünstlerInnen Wiens. Sie konnte sich aufgrund dieser Konstellation nicht vorstellen, von den Nazis verfolgt zu werden. Sie wurde jedoch von der bitteren Realität mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 eingeholt und floh im Mai 1939 zusammen mit ihrem Vater nach London.

In London war es ihr als Flüchtling nicht erlaubt, ihren Lebensunterhalt als Künstlerin zu verdienen. Sie wusste, dass sie als Jüdin von den Nazis verfolgt wurde. Eine Rückkehr auf den Kontinent, vor allem nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, war also hochriskant, denn für alle Gegner und Verfolgte der Nazis war es überlebenswichtig, sich in Sicherheit vor dem Zugriff durch die Nazis zu bringen. Trotzdem ging sie jedoch ein halbes Jahr später, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in die Niederlande, denn sie war für den Lebensunterhalt für sich und ihren Vater verantwortlich. Da sie ihren Beruf als Musikerin in England nicht ausüben durfte, nahm sie ein Engagement aus Amsterdam an mit der Option, nach einem halben Jahr nach London zurückkehren zu können. Ihre Konzerte liefen so gut, dass sie auch nach Ablauf des vorgesehenen Zeitraums von sechs Monaten in Holland blieb. Ihre Rückkehrmöglichkeit, die durch die Zusicherung unproblematisch ablaufen sollte, war aber damit nicht mehr möglich.

In der Zwischenzeit passierte die Katastrophe: Hitler ließ 1940 Holland überfallen. Alma Rosé musste in den Untergrund gehen, entschied sich schließlich doch zur Flucht in die Schweiz und wurde während der Flucht in Frankreich gefasst und nach Auschwitz deportiert.

Dort wurde ihr die Leitung des Frauenorchesters von Auschwitz übertragen. Sie konnte das Überleben ihrer Orchestermitglieder nur sichern, wenn die musikalische Leistung aller überragend war. Eine absolut surreale Situation, in einem Todes- und Vernichtungslager, in dem alles getränkt war mit der Asche aus den ständig rauchenden Krematorien, Musikerinnen zum Spielen wunderbarer Musik zu animieren. Ihr gelang es jedoch, alle ihre Orchestermusikerinnen zur Höchstleistung zu motivieren und mit ihnen ins Reich der Musik zu gehen, unangreifbar für die Nazis. Alle ihre Orchestermitglieder haben Auschwitz überlebt im Gegensatz zu ihr: Nach einem Solo-Konzert vor dem Wachpersonal starb sie an einer Vergiftung am 4. April 1944. Das Wachpersonal, das tagtäglich Hunderte in die Gaskammern schickte, trauerte um Alma Rosé, ließ zu, dass sich alle Orchestermitglieder von ihr verabschieden konnten. Und das in einem Vernichtungslager, dessen Ziel der Tod aller Jüdinnen und Juden war.

Oskar und Emilie Schindler

Das Netz der Konzentrationslager zusammen mit ihren Außenlagern war deutschlandweit flächendeckend. Die Vernichtungslager befanden sich außerhalb des Deutschen Reichs im Osten. In unmittelbarer Nähe der verschiedenen Konzentrations- und Vernichtungslager befanden sich in der Regel Fabriken, die von der Arbeit der KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter profitierten. Die Verantwortlichen in diesen Firmen wussten demnach Bescheid über das Prinzip eines KZs und haben trotzdem mit den Nazis zusammengearbeitet und diese Zwangsarbeiter verpflichtet. Der physische und auch psychische Zustand ihrer Arbeiter konnte ihnen nicht verborgen geblieben sein. Sie haben dennoch bis zum bitteren Ende an diesem Prinzip festgehalten.

Der Unternehmer Oskar Schindler und seine Frau Emilie haben gewiss nicht zum Widerstand gehört. Er kollaborierte zwar mit den Nazis, er rettete aber zahlreichen Jüdinnen und Juden das Leben, indem er sie in seine Fabriken brachte und ihnen dort Arbeit, Unterkunft und Nahrung gab, denn dort waren sie vor den Machenschaften der Nazis in Sicherheit. So stellten er und auch seine Frau Emilie sich schützend vor sie und übernahmen die Verantwortung im Gegensatz zu den meisten anderen Unternehmern. Dies ist eindeutig widerständiges Verhalten, denn das Ziel der Nazis war die Ausrottung der europäischen Juden.

Karneval oder die sog. Karnevalsrevolte“

Die sog. "tollen Tage", die Zeit zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch, Karneval oder Fasching, sind prädestiniert für widerständige Äußerungen oder Themenwagen, mit denen man auf Missstände in der Gesellschaft bzw. bei den Regierungsverantwortlichen hinweisen kann, ohne anschließend Repressalien zu befürchten. Das hat während der Weimarer Republik sehr gut funktioniert, doch mit Beginn des Dritten Reichs wurde es den Künstlern und Künstlerinnen durch Androhung von Verfolgung und Inhaftierung die Verwendung dieses Themenkanons fast unmöglich gemacht. Das Ziel der Nazis, ein ausschließlich regimefreundlicher Karneval mit antisemitischen Äußerungen während der Karnevalssitzungen und antisemitischen Motiv-Wagen bei den Umzügen, bei dem als Missstände in der Gesellschaft allein die Anwesenheit von Juden fungieren sollte, wurde dennoch nicht erreicht: Es gab trotzdem einige starke Persönlichkeiten, die sich nicht beirren ließen und nach wie vor ihre Linie weiterführten wie z.B. Hans David Tobar, Karl Küpper in Köln oder Seppel Glückert in Mainz.

1935 gab es in Köln die sog. "Narrenrevolte": Durch den angedrohten Boykott aller Karnevalisten wurde der beigeordnete NS-Ideologe Wilhelm Ebel als Verantwortlicher für die gesamte Planung und Durchführung der Karnevalsveranstaltungen abgesetzt. Die Organisation des Karnevals übernahmen wie während der Weimarer Republik die Karnevalsgesellschaften wieder in Eigenregie. Dieses Gefühl des Triumpfes wirkte befreiend und sorgte für verstärkte regimekritische Äußerungen, vor allem von Karl Küpper, einer der führenden Persönlichkeiten des Kölner Karnevals, der sich nichts vorschreiben ließ.

Anhand des Karnevals lässt sich die ganze Spannbreite der Reaktionen auf die Forderungen der Nazi-Diktatur aufzeigen: Von antisemitischen Äußerungen und Motivwagen der Nazi-Sympathisanten über diejenigen, die mitmachen oder sich zumindest nicht widersetzen, um ihren Lebensunterhalt nicht zu gefährden bis zu denen, die auch während der Nazi-Diktatur ihre eigene Meinung sagen und sich widerständig zeigen und lieber Gefangenschaft, Folter und Tod in Kauf nehmen bevor sie sich der Nazi-Ideologie hingeben. Dementsprechend wurden, solange es Karnevalsumzüge gab, bis zum Untergang des Dritten Reichs auch etliche antisemitische und regimefreundliche Motivwagen gestaltet und vorgezeigt.

Hans David Tobar gelang mit seiner Familie 1939 über Rotterdam die Flucht in die USA, Seppel Glückert und Karl Küpper blieben trotz Bedrohung und Verfolgung durch die Nazis in Deutschland. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des damit einhergehenden Zusammenbruch des Dritten Reichs stellen sie ihre künstlerischen Fähigkeiten bei dem Wiederaufbau des Karnevals den Verantwortlichen zur Verfügung. Beide jedoch konnten an ihre großen Erfolge, die sie vor dem Dritten Reich hatten, nicht mehr im gleichen Maß anschließen. Anscheinend wollte die Nachkriegsgesellschaft nicht an ihre eigene Haltung während des Dritten Reichs erinnert werden, denn sowohl Karl Küpper als auch Seppel Glückert zeigten sich während der Nazis-Herrschaft widerständig und haben ihre eigene Meinung vertreten.

 

 Bild von Menschen, die den Hitlergruß zeigen, während eine nicht identifizierte Person (möglicherweise August Landmesser oder Gustav Wegert) dies verweigert. © unbekannter Autor, am 13. Juni 1936

 

 

 

 

Statement

Bei jeder Form von Diskriminierung, Diffamierung oder Beleidigung aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion, Einkommen oder sexueller Orientierungsowie bei persönlichen Angriffen werden sofort die geeigneten rechtlichen Schritte ergriffen.

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