Claus Schenk Graf von Stauffenberg und das Attentat

Dr. Karin Germerdonk

Von Dr. Karin Germerdonk

29. Juli 2026

Ich lasse mich hin vorm vergessenen fenster: nun tu
Die flügel wie immer mir auf und hülle hienieden
Du stets mir ersehnte du segnende dämmrung mich zu
Heut will ich noch ganz mich ergeben dem lindernden frieden.
Denn morgen beim schrägen der strahlen ist es geschehn
Was unentrinnbar in hemmenden stunden mich peinigt
Dann werden verfolger als schatten hinter mir stehn
Und suchen wird mich die wahllose menge die steinigt.
Wer niemals am bruder den fleck für den dolchstoss bemass
Wie leicht ist sein leben und wie dünn das gedachte
Dem der von des schierlings betäubenden körnern nicht ass!
O wüsstet ihr wie ich euch alle ein wenig verachte!
Denn auch ihr freunde redet morgen: so schwand
Ein ganzes leben voll hoffnung und ehre hienieden..
Wie wiegt mich heute so mild das entschlummernde land
Wie fühl ich sanft um mich des abends frieden!

Dieses Gedicht „Der Täter“ stammt von Stefan George (12.07.1868–04.12.1933). Er hat es 1899 im Band „Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod“ veröffentlicht. Er beschreibt die innere Verfassung einer Person, die eine schreckliche Tat begehen muss und Schuld auf sich lädt, die jedoch für die Gemeinschaft Befreiung bringen wird. Das lyrische Ich, der „Täter“, ist sich über die Tragweite seiner Handlung sehr bewusst und weiß, dass es für ihn kein Entkommen gibt. Er ist überzeugt, dass genau er diese Tat begehen muss und dass auch nur genau er diese Tat vollenden kann.
In seinen Gedichten verwendet der Lyriker Stefan George weitgehend eine einheitliche Kleinschreibung sowie als Satzzeichen nur Semikolon und den Punkt am Satzende. Jeder Versanfang beginnt mit einem Großbuchstaben. In dieser Hinsicht ist George ausgesprochen modern, seiner Zeit weit voraus.
Stefan George setzt einen Kreuzreim ein und abwechselnd eine männliche oder eine weibliche Betonung wie eine Betonung der Handlung und zugleich ihre Reflektion. Jeder Vers fängt unbetont an, es folgen fünf Betonungen entweder als Jamben oder Daktylen, die jedoch im Verlauf nicht regelmäßig gesetzt sind. Dies führt zu einem vorwärts treibenden Rhythmus, gepaart mit einem gewissen Zögern wie ein Luftholen vor dem unausweichlichem Ende, der Tat, die auch das eigene Ende bedeutet. Die übergeordnete Idee wird wichtiger als das eigene Leben.
Am Vorabend vor dem geplanten Attentat auf Adolf Hitler, das am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze durchgeführt werden sollte, gestaltete Claus Schenk Graf von Stauffenberg zusammen mit seinem älteren Bruder Bertold einen besonderen Abend im engen Kreis in ihrer Berliner Wohnung in der Tristanstraße 8-10. Anwesend war auch Oberleutnant Werner von Haeften, der persönliche Adjutant von Claus. Bei dieser Gelegenheit zitierte Claus Schenk Graf von Stauffenberg dieses Gedicht von Stefan George, das für ihn zum Leitbild wurde, ihm Kraft und Gewissheit gab, das Richtige zu tun.
Die richtige Begründung für den geplanten Tyrannenmord ist wesentlich, denn seit dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburgs am 2. August 1934, der noch während der Weimarer Republik gewählt wurde, leisteten die Soldaten und Offiziere der Wehrmacht einen persönlichen Eid auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Das bedeutete, dass derjenige, der diesen Eid bricht, gleichzeitig Hochverrat am Deutschen Vaterland begeht. Für das preußisch-deutsche Offizierskorps war der militärische Eid eine ganz besondere, fast heilig anmutende Verpflichtung, deren Einhaltung gleichgesetzt war mit der eigenen persönlichen Ehre. Jede Zuwiderhandlung gegen den Eid und damit gegen die Ehre würde den Ausschluss aus dem Offizierskorps bedeuten und war damit vollkommen undenkbar.
Zunächst hat sich Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit den Zielen der Nazis identifizieren können, wie ein Brief an Generalmajor Georg von Sodenstern zeigt, den er am 13. März 1939, also noch vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, geschrieben hat:
„Soldat sein und insbesondere soldatischer Führer, Offizier sein heißt, Diener des Staats, Teil des Staats sein mit all der darin inbegriffenen Gesamtverantwortung. […] Wir müssen nicht nur um die Armee im engeren Sinn zu kämpfen wissen, nein, wir müssen um unser Volk, um den Staat selbst kämpfen, im Bewusstsein, dass das Soldatentum und damit sein Träger, das Offizierkorps, den wesentlichsten Träger des Staates und die eigentliche Verkörperung der Nation darstellt.“
[zitiert nach P. Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg, S.489]
Auch der Antisemitismus und Rassismus der Nazis entsprach zunächst ganz der Einstellung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, denn er schreibt seiner Frau Nina nach dem Beginn des Polenfeldzugs, dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, am 14. September 1939:
„Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk welches sich sicher nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu brauchen, arbeitsam, willig und genügsam. Der polnische Feldzug geht erstaunlich frisch vorwärts."
(zitiert nach Stauffenberg-Gedenkstätte Albstadt Lautlingen]
Erst nachdem von Stauffenberg erkennt, wie der Feldzug gegen die Sowjetunion geführt wird, der eine ungeheuren Brutalität gegen die Zivilbevölkerung und Ermordung der Juden beinhaltet, verändert sich seine Haltung. Er erkennt, dass Hitler einen verbrecherischen Krieg führt, der nicht mehr zu gewinnen ist. Damit fühlt er sich nicht mehr dem Eid verpflichtet, den er auf Hitler geschworen hat, denn dieser Eid verliert seine Gültigkeit, wenn mit der Einhaltung des Eides gleichzeitig Verbrechen begangen werden. Stauffenberg äußerte sich in einem Gespräch kurz vor dem 20. Juli 1944 in einem Gespräch mit der Frau seines Bamberger Regimentskameraden Bernd von Pezold:
„Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“
[zitiert nach Joachim Kramarz, Claus Graf Stauffenberg, 15. November 1907 - 20. Juli 1944, Das Leben eines Offiziers, Frankfurt a.M. 1965, Seite 201].
Oberleutnant Werner von Haeften und Claus Schenk Graf von Stauffenberg fuhren am 20. Juli 1944 zur Wolfsschanze, um das Attentat durchzuführen. Bis zur Rückkehr nach Berlin waren sie auch über den Erfolg des Attentats überzeugt. Sie wurden jedoch von den tatsächlichen Ereignissen überrollt und am gleichen Tag im Bendlerblockt erschossen. Kurz vor seiner Hinrichtung hat Claus Graf von Stauffenberg diese Wort gerufen:
„Es lebe das heilige Deutschland!“
Nach einer anderen Überlieferung waren seine letzten Worte „Es lebe das Geheime Deutschland“. Beide Ausrufe können auf das von Stefan George in seinem Spätwerk beschworene „neue Deutschland“ zurückgeführt werden. George meint damit ein verborgenes Reich, zugänglich nur für die geistige Aristokratie, die die Elite bildet und damit die zukünftige Führung Deutschlands werden soll. Zu Georges Vorstellung einer geistigen Aristokratie gehörte auch eine Persönlichkeit, die an der Spitze steht. Dementsprechend ließ sich George von seinen Anhängern als „Meister“ anreden. George wendete sich sowohl gegen die Wilhelminische Zeit als auch gegen die Weimarer Republik mit ihrem Massenkonsum, der Modernität und der Demokratie. In seinem letzten Lebensjahr, nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933, lehnte er auch jede Vereinnahmung durch die Nazis ab, die ihn gern als Präsidenten einer neuen Akademie für Dichtung eingesetzt hätten.
Für Claus Schenk Graf von Stauffenberg war mit dem „neuen Deutschland“ eben nicht die Welt der Nationalsozialisten gemeint, auch wenn die Führungsriege der Nazis zusammen mit den Mitgliedern der SS sich als „Elite“ verstand und sich dementsprechend in Szene gesetzt hat. Das Nazi-Regime hat vielmehr dem entsprochen, das George in seinem Spätwerk als die Welt des „Antichristen“ beschrieben hat. Insofern war für Stauffenberg der Tyrannenmord vollkommen legalisiert.

 

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