O Fortuna velut luna
statu variabilis, semper crescis
aut decrescis; vita detestabilis
O Fortuna! Wie der Mond
So veränderlich, wächst du immer
Oder schwindest! - Schmähliches Leben!
Die Anfangszeilen aus „Carmina Burana“ könnten auch als Motto über dem Leben von Carl Orff stehen. Bei meiner Betrachtung seines Lebens stellte sich mir allerdings die Frage, stand er auf der hellen oder auf der dunklen Seite. Besonders jene 12 Jahre (1933–1945) des sog. „1000jährigen Reiches“ zeigen ein auffällig ambivalentes Bild.
Die Carmina Burana“ überstrahlt als funkelndes Juwel das kompositorische Gesamtwerk von Carl Orff. Die Komposition geht auf ein Manuskript mit Liedern und Gedichten aus dem 13. Jahrhunderts zurück, das im Kloster Benediktbeuern (Oberbayern) gefunden wurde. 1934 vertonte Carl Orff aus dieser Sammlung Lieder und Gedichte weitgehend lateinischer Texte schlüpfrigen Inhalts um „Wein, Weib und Gesang“. Damit gelang Orff ein bedeutendes Bühnenwerk, das bis heute immer wieder aufgeführt wird. Von Anfang an war er vom Erfolg der „Carmina Burana“ überzeugt.
Allein das umfangreiche Instrumentarium sprengt die normale Besetzung eines Orchesters: Neben einem großen Orchester, gemischten Chor, Kinderchor, Celesta und zwei Klavieren ist das Schlagzeug ausgesprochen reichhaltig vertreten mit 5 Pauken (eine Piccolo), 2 kleine Trommeln, 1 große Trommel, Triangel, verschiedene Becken, Ratsche, Kastagnetten, Schlittenglocken, Tamtam, Tamburin, Röhrenglocken, 3 Glocken, 3 Glockenspiele und Xylophon. Am 9. Juni 1937 fand in der Frankfurter Oper die Uraufführung statt. Der Erfolg beim Publikum war von Anfang an enorm, die Zuhörer vom Rhythmus und anderen „jazzartigen“ Elemente begeistert.
Während das „Volk“ die Carmina überschwenglich feierte, waren einige NS-Funktionäre von dieser „undeutschen“ Musik regelrecht abgestoßen wie unter anderem Alfred Rosenberg, der Leiter des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, und Dr. Herbert Gerigk, Leiter der Musikabteilung im Propagandaministerium. Beide waren absolute Gegner der Musik von Carl Orff. In ihren Augen war Orff äußerst verdächtig, denn in seinen Werken vertonte er Gedichte von Bertolt Brecht und Franz Werfel. Da Adolf Hitler aber die „Carmina Burana“, sehr hörte, konnten sie mit ihrer ablehnenden Haltung gegenüber Carl Orff überhaupt nichts ausrichten. Die Mechanismen der Verunglimpfung, die zur Ausgrenzung und Flucht zahlreicher bedeutender Künstler geführt haben, konnten bei Carl Orff nichts ausrichten.
– Alfred Rosenberg (12. Januar 1893 in Reval) war überzeugter Antisemit und avancierte neben Adolf Hitler („Mein Kampf“) mit seinem Buch „der Mythos des 20. Jahrhunderts“ zum Chefideologen der Nazis. Ab 1941 war er „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“ und damit unmittelbar in den Holocaust sowie in kriminelle Machenschaften der Nazis verwickelt. Zudem war er der Leiter des „Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg“, der verantwortlich war für den Raubzug durch Europas Museen, Bibliotheken, Archive und Privatbesitz jüdischer Familien auf der Suche nach Kunstwerken. Alfred Rosenberg wurde im Nürnberger Prozess aufgrund seiner Taten während des Dritten Reichs 1946 zum Tode verurteilt.
Dr. Herbert Gerigk (2. März 1905 Mannheim) war im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg zuständig für den Bereich Musik und ließ vorwiegend in Frankreich und den Benelux-Ländern Musikalien, wervolle Musikinstrumente, Noten und Bücher aus jüdischen Privatbesitz sowie Archiven rauben. 1940 veröffentlichte er zusammen mit Theophil Stengel das „Lexikon der Juden in der Musik“. Nach dem verlorenen Weltkrieg wurde Dr. Herbert Gerigk als „Mitläufer“ eingestuft. Er lebte in West-Deutschland und konnte unbehelligt als Buchautor und Musikkritiker bis zu seinem Tod 20. Juni 1996 in Dortmund arbeiten. –
1936 fanden die Olympischen Spiele in Berlin statt. Für eine Veranstaltung im Rahmen dieser Spiele komponierte Carl Orff den „Olympischen Reigen“, uraufgeführt von jungen Tänzerinnen jener Günther-Schule, die er 1924 zusammen mit Dorothee Günther in München gegründet hat. Das Revolutionäre der Günther-Schule war die vollkommene Gleichberechtigung von Musik und Tanz: Die Bewegung erfolgt nicht nach der Musik, sondern entsteht aus ihr. Infolgedessen lernten die Schülerinnen neben der Ausbildung zur Tänzerin auch die entsprechenden Musikinstrumente zu spielen. Dabei hatte Improvisation eine tragende Bedeutung: Es erfordert das Wahrnehmen und Reagieren auf die Signale, die von den anderen Ausführenden ausgehen. Entscheidend für den überragenden Erfolg der Günther-Schule war auch der Einsatz von Instrumenten, die leicht zu lernen waren. Aus diesem Ansatz hat Carl Orff sein Lehrwerk „Das Orffsche Schulwerk“ entwickelt, das bis heute seine Gültigkeit hat. Es erscheint heute fast wie ein Kuriosum, dass Carl Orff sein Lehrwerk über die musikalische Grundausbildung von Kindern, inspiriert von der Ausbildung in der Günther-Schule, die eine individuelle Entwicklung ermöglichen sollte, akkurat während der Nazi-Diktatur entwickelte, das auf einem System der Gleichschaltung und Gleichheit beruhte.
Die Weimarer Republik ermöglichte aufgrund ihrer gesellschaftspolitischen Offenheit und Gleichberechtigung den großen Erfolg der Günther-Schule. Allerdings war es genau diese Ideologie, die den NS-Funktionären ein Dorn im Auge war, so dass Repressalien gegen die Ausbilder sowie die Schülerinnen der Günther-Schule zu befürchten waren. Dorothee Günther trat im Mai 1933 in die NSDAP ein. Sie begründete ihre Entscheidung mit dem Hinweis, die Existenz der Günther-Schule auch während der Nazi-Diktatur zu sichern. Sie ließ sich auch darauf ein, die Ausbildungsgrundsätze an die Nazi-Ideologie anzugleichen. Die Schließung der Schule erfolgte im September 1944, als aufgrund der Kriegssituation alle kulturellen Spielstätten im Deutschen Reich geschlossen wurden. Das Schulgebäude mitsamt dem Inventar in der Kaulbachstraße wurde bei einem Luftangriff der Alliierten am 7. Januar 1945 komplett zerstört. Nach dem Krieg wurde genau an dieser Adresse das Orff-Zentrum München aufgebaut.
Carl Orff löste sich ab 1936 schrittweise von seinen Verpflichtungen der Günther-Schule. Nach 1938 bestand keine Verbindung mehr zur Günther-Schule.
Die Uraufführung seiner „Carmina Burana“ fand am 9. Juni 1937 in der Oper in Franfurt am Main statt. Der General-Intendant Hans Meißner war von dieser Musik restlos begeistert, so dass in ihm eine Idee reifte, wie ein Problem der Theaterbühnen im Deutschen Reich zu lösen wäre, das seit 1933 bestand: Seit der Machtübernahme Adolf Hitlers war die Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy und damit auch sein „Sommernachtstraum“ verboten. Die Aufführung des „Sommernachtstraums“ gehörte jedoch zu den am meisten aufgeführten Bühnenwerkenn im Deutschen Reich. Ohne die Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy fehlte ein wichtiger Teil des Erfolgs. Also fragte Hans Meißner Carl Orff, ob er eine neue Musik schaffen könnte, um den „Sommernachtstraum“ von Mendelssohn zu ersetzen. Carl Orff sagte im Gegensatz zu anderen namhaften Komponisten zu, wie Hans Pfitzner, Werner Egk und Richard Strauss.
Der Erfolg für Carl Orff war die Aufnahme 1944 in die „Gottbegnadeten-Liste“. Diese Liste wurde von Joseph Goebbels und Adolf Hitler 1942/43 entwickelt nach der Niederlage der 6. Armee von General Friedrich Paulus vor Stalingrad, das als Synonym für die Niederlage und damit als bevorstehende Niederlage des Deutschen Reichs begriffen wurde. Es wurde eine lange Liste mit namhaften Künstlern aus allen Bereichen der Kultur erarbeitet, die vom Kriegsdienst befreit wurden. Zum 1. September 1944 wurden alle Theater und Aufführungsstätten geschlossen und alle anderen Künstler zum Kriegsdienst eingezogen.
Mit der Kapitulation vom 8. Mai 1945 ging das Deutsche Reich unter. Carl Orff wurde im Zuge der Entnazifizierung von Amerikanern zu seinem Verhältnis zu den Nazis befragt. Während der Vernehmung brachte der Komponist seine enge Freundschaft zu Prof. Karl Huber zum Ausdruck, jenem Professor an der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München, der ein zentrales Mitglied der „Weißen Rose“ war um die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Die Mitglieder der „Weißen Rose“ haben zum Widerstand gegen Adolf Hitler aufgerufen und in der LMU Flugblätter verteilt. Sie wurden vom Hausmeister beobachtet und verraten, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. 1943, am Tag nach der Verhaftung von Prof. Huber wurde Carl Orff von dessen Ehefrau Clara Huber verzweifelt um Hilfe gebeten. Es war offensichtlich, dass Prof. Huber von den Nazis zum Tode verurteilt werden würde, da er zentrales Mitglied der „Weißen Rose“ war. Doch Carl Orff lehnte ab und unterließ jede Hilfestellung, obwohl er sehr eng mit Karl Huber befreundet gewesen war. 1946 während der Befragung durch die Amerikaner schrieb Carl Orff einen fiktiven Brief an Karl Huber, um mit seinen Schuldgefühlen fertig zu werden. Er muss also gewusst haben, dass die Ideologie der Nazis unmenschlich und damit höchst verwerflich war.
Carl Orff wurde im Zuge der Entnazifizierung von den Amerikanern mit einen „Grey C, acceptable“ versehen, d.h. er wurde als Nutznießer des NS-Regimes eingestuft, ohne tiefere nationalsozialistische Gesinnung. Carl Orff ist zu keinem Zeitpunkt in die Partei eingetreten und hielt sich von Parteipolitischen Ämtern fern. Durch diese Einstufung war es ihm möglich, sofort wieder uneingeschränkt zu arbeiten.
Trotzdem ist Carl Orff in den 12 Jahren der Nazi-Diktatur geblieben und hat sich mit den Machthabern arrangiert. Bei der Ablehnung der Bitte von Clara Huber für Hilfe für seinen Freund Prof. Karl Huber hat er unmoralisch gehandelt. Er war wie die große Mehrheit der Deutschen, die lieber geschwiegen und sich still verhalten hat.
Bild: Carl Orff 1940 © Von Hanns Holdt
Ringstraße 26
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