27. Januar 2026

Dr. Karin Germerdonk

Von Dr. Karin Germerdonk

27. Januar 2026

Immanuel Weissglas: Er

"Wir heben Gräber in die Luft und siedeln
Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort.
Wir schaufeln fleißig, und die andern fiedeln,
Man schafft ein Grab und fährt im Tanzen fort.

ER will, daß über diese Därme dreister
Der Bogen strenge wie sein Antlitz streicht:
Spielt sanft vom Tod, er ist ein deutscher Meister,
Der durch die Lande als ein Nebel schleicht.

Und wenn die Dämmrung blutig quillt am Abend,
Öffn' ich nachzehrend den verbissnen Mund,
Ein Haus für alle in die Lüfte grabend:
Breit wie der Sarg, schmal wie die Todesstund.

ER spielt im Haus mit Schlangen, dräut und dichtet,
In Deutschland dämmert es wie Gretchens Haar.
Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet:
Da weit der Tod ein deutscher Meister war."

Aus: Poesiealbum 334

Dieses Gedicht von Immanuel Weißglas ist 1944, also ein halbes Jahr vor dem berühmten Gedicht "Todesfuge" von Paul Celan entstanden. Immanuel Weißglas und Paul Celan, beide aus jüdischen Familien in Czernowitz stammend und 1920 geboren, besuchten die gleiche Klasse. Die daraus entstandene Freundschaft hielt ihr Leben lang.

Czernowitz in der nördlichen Bukowina gehörte vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu den Gegenden mit zahlreichen jüdischen Gemeinden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn abgeschafft und aus den Kronländern wurden neue Nationalstaaten gebildet. Aus Angst vor antisemitischen Übergriffen aufgrund der neuen Grenzziehungen verließen zahlreiche jüdische Familien diese Gebiete, eben auch die Bukowina, und zogen nach Wien oder nach Berlin. Die Familien von Immanuel Weißglas und Paul Celan blieben jedoch in Czernowitz.

1940 nach dem Inkrafttreten des deutsch-russischen Nichtangriffspaktes wurde die nördliche Bukowina von russischen Einheiten des Militärs besetzt. Jedoch im Juni 1941 mit dem Beginn des Russlandfeldzuges der Nazis marschierten deutsche und rumänische Truppen in Czernowitz ein. Die jüdische Bevölkerung wurde sofort in Ghettos interniert und in Arbeitslagern nach Transnistrien (heute Ukraine bzw. Moldawien) deportiert.

Immanuel Weißglas wurde zusammen mit seinen Eltern in verschiedene Arbeitslager in Transnistrien abtransportiert, wo er an Flecktyphus erkrankte. Nach der Befreiung 1944 konnte die ganze Familie nach Czernowitz zurückkehren. Ein Jahr später zog Immanuel Weißglas nach Bukarest. Dort starb er am 25. August 1979.

Paul Celan landete in einem rumänischen Arbeitslager als Straßenbauer. Seine Eltern jedoch überlebten nicht: Sein Vater starb in einem Lager an Cholera, seine Mutter wurde von den Nazis erschossen. Nach der Befreiung 1944 kehrt er zunächst nach Czernowitz zurück und geht dann weiter nach Bukarest. 1947 gelingt ihm die Flucht über Ungarn nach Wien. Später zieht er nach Paris, dort stirbt er am 20. April 1970.

Die Erfahrungen in den Todeslagern in Transnistrien haben beide Schriftsteller stark traumatisiert und in ihren Werken verarbeitet. 1944 verfasst Immanuel Weißglas sein Gedicht "Er". Wahrscheinlich hat er mit seinem Freund Paul Celan über dieses Gedicht gesprochen, denn in seiner "Todesfuge", die Celan Ende 1944/Anfang 1945 schreibt, also auch kurz nach der Befreiung, greift Paul Celan sehr viele Motive des Gedichtes von Immanuel Weißglas auf. In seinem Gedicht verdichtet er sie stark, wiederholt die Motive oder Motivteile, immer wieder auch in anderen Verspositionen. "Die Todesfuge" ist eine Meisterkomposition, die bei jedem Lesen oder Hören starke Emotionen erregt. Immanuel Weißglas veröffentlichte sein Gedicht aber erst nach 1970, also nach dem Tod von Paul Celan.

Die Bedingungen in den Arbeitslagern in Transnistrien müssen den Zuständen in den anderen Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau entsprochen haben, denn bei dem Lesen von beiden Gedichten denkt man automatisch an die Bilder vom Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Anspielungen an die ständig rauchenden Krematorien sind sehr deutlich. Die ausweglose Situation und die Hoffnungslosigkeit bilden die Grundstimmung. Über die Todeslager in Transnistrien ist längst nicht so viel bekannt, wurde nicht so viel geforscht wie über Auschwitz-Birkenau, was wahrscheinlich am Kalten Krieg lag, der eine Erforschung während dieser Zeit durch westliche Wissenschaftler so gut wie unmöglich gemacht hat.

Paul Celan: Todesfuge

"Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland  
 
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith"

© 1952 Deutsche Verlags-Anstalt München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Aus: Mohn und Gedächtnis. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 1952
Audioproduktion: Neske 1958

 

Auschwitz ist das Symbol für die Shoah, der Zivilisationsbruch, dessen tiefe Gräben niemals überwunden werden. Das, was in Auschwitz-Birkenau passiert ist, stellvertretend für alle Konzentrations- und Vernichtungslager, symbolisiert die Gesinnung des Nationalsozialismus: Angst Ausgrenzung, Gewalt, Zerstörung und Mord. Die Gesellschaft wurde gespalten, der eine Teil erhielt "Kraft durch Freude". Für den anderen Teil galt "Arbeit macht frei", das Motto, das über den Eingangstoren der meisten KZs montiert war. Der Ort der Ausgrenzung, der Vernichtung und des Massenmordes.

2026 jährt sich die Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zum 81. Mal.

 

Fotos: Der Dichter Paul Celan auf einem Passfoto aus dem Jahr 1938. © Paul_Celan_1938.jpg

Czernowitz: Ausgebrannte Synagoge 24. Juli 1941 © Willy Pragher - Landesarchiv Baden-Württemberg

Statement

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