Esther Bejarano, ein Nachruf

Dr. Karin Germerdonk

Von Dr. Karin Germerdonk

14. Juli 2021

Das Akkordeon ist verstummt, die Stimme erloschen: Esther Bejarano starb am 10. Juli 2021 im Alter von 96 Jahren. Sie gehörte zu den Überlebenden der Shoah.

Sie war klein und zierlich, aber ihre Wirkung war gewaltig, ihr Lebenswille und Lebensmut enorm!

Ihr Leben – ein Drama in fünf Akten. Erster Akt: Kindheit und Jugend im Saarland, behütet, beschützt, voller Musik und Kultur. Damals schon der Berufswunsch Sängerin.

Zweiter Akt: Wiederanschluss des Saarlandes an das Deutsche Reich, Beginn des Antisemitismus, des Rassismus, der Erniedrigung und des stetigen Ausschlusses aus der Gesellschaft. Die Beschäftigung mit Musik und Kultur rückte in den Hintergrund.

Dritter Akt: Deportation nach Auschwitz am 20. April 1943. Ihr einziges „Verbrechen“: Sie war Jüdin. Ausgerechnet in dieser lebensfeindlichen Umgebung, in der stets und überall die Gaskammern präsent waren, sowohl sichtbar durch die Schornsteine, die Asche und den Geruch, als auch in den Gedanken der Inhaftierten, drehte sich für sie auf einmal alles um Musik. Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau konnte sie nur überleben, weil sie Mitglied im Mädchenorchester von Auschwitz wurde. Dort spielte sie Akkordeon, Blockflöte und Gitarre. Musizieren war eine Frage von Leben oder Tod. Sie hatte Glück und ihr Schicksal entschied sich für das Leben. Sie brachte sich innerhalb von Minuten (sic) das Akkordeonspiel bei. Um sie herum nur Vernichtung und Tod, das Wachpersonal, die Hunde und vor allem die Gaskammern waren überall präsent. Nur für die Dauer der Musik eine geschenkte Zeit, Zeit, um Kraft zu schöpfen.

Der vierte Akt begann mit der Befreiung durch alliierte Soldaten, mit dem Untergang des Dritten Reichs und mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945. Esther Loewy ging nach Israel, lernte dort ihren späteren Mann Nissim Bejarano kennen. Sie heirateten, bekamen zwei Kinder, Tochter Edna und Sohn Joram.

Der fünfte Akt: 1960 Remigration nach Deutschland. Dieser letzte Lebensabschnitt war geprägt vom politischen Engagement gegen Antisemitismus, Diskriminierung und Rechtsradikalismus in Verbindung mit Musik. Ihre Programme waren geprägt von ihren Erfahrungen während der Zeit des Nationalsozialismus. Jedes Konzert ein Statement gegen Antisemitismus, Rassismus und Menschenverachtung.

Ihre unzähligen Auftritte als Musikerin und Rednerin bleiben unvergessen. Sie rief das Auschwitz-Komitee für die Bundesrepublik Deutschland ins Leben, engagierte sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA).

Was bleibt, sind ihr Aufnahmen und ihre Bücher. In ihnen spricht sie zu uns, immer wieder, jedes Mal, wenn wir Aufnahmen von ihr hören oder etwas von ihr lesen. Jedes Mal ein Sieg über die Nazis, die alten und die neuen.

Auswahlbibliographie:

  • Esther Bejarano, Edna Bejarano: Lieder für das Leben. Lider fars lebn. Aus dem Repertoire von Esther & Edna Bejarano und Coincidence, Joram Bejarano, Bettina Sefkow (Hg.), Hamburg: Curio-Verlag, 1995.
  • Esther Bejarano, Birgit Gärtner: Wir leben trotzdem. Esther Bejarano – vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden, Auschwitzkomitee in der Bundesrepublik (Hg.), 3. korr. Aufl., Bonn: Pahl-Rugenstein, 2007.
  • Esther Bejarano: „Man nannte mich Krümel“. Eine jüdische Jugend in den Zeiten der Verfolgung, Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik e. V. (Hg.), Hamburg: Curio-Verlag, 1989.
  • Esther Bejarano: „Poesie als Waffe?“, in: Der Partisan. Das kurze Leben des Hirsch Glik, Lutz van Dick, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1993, S. 168-171.
  • Esther Bejarano: Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts, Antonella Romeo (Hg.), Hamburg: Laika, 2013 (mit DVD).
  • Susanne Beyer, Martin Doerry: „Mich hat Auschwitz nie verlassen“ Die Befreiung des größten Vernichtungslagers jährt sich zum 70. Mal [mit Berichten von 19 Überlebenden: Coco Schumann, Renate Harpprecht, Anna Arbeiter, Izzy Arbeiter, Marko Feingold, Raphaël Esrail, Philomena Franz, Helga Kinsky, Esther Bejarano, Anita Lasker-Wallfisch, Zofia Posmysz, Bronia Brandman, Kazimierz Albin, Frederick Terna, Erna de Vries, Marta Wise, Jehuda Bacon, Frieda Tenenbaum, Morris Kesselman], in: Der Spiegel, Jg. 2015, Nr. 5, 24. Jan. 2015, S. 50-69.
  • Peter Petersen: „Erniedrigend war das“. Die Sängerin Esther Loewy, verh. Bejarano, berichtet als Überlebende aus Auschwitz über ihre Zeit in Palästina/Israel 1945 bis 1960, in: Neue Zeitschrift für Musik, 182, H. 1, 2021, S. 40-42.

Esther Bejarano © Jwh at Wikipedia Luxembourg, CC BY-SA 3.0 lu,

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