Deutsch ist die Saar

Dr. Karin Germerdonk

Von Dr. Karin Germerdonk

12. Juli 2021

Deutsch ist die Saar, deutsch immerdar,
Und deutsch ist unseres Flusses Strand
Und ewig deutsch mein Heimatland,
Mein Heimatland, mein Heimatland.“

 

Dieses ist die erste Strophe des Saarliedes aus dem Jahr 1920, verfasst von Hanns Maria Lux (17. Mai 1900 – 11. September 1967), zu diesem Zeitpunkt Lehrer an der Knabenmittelschule in Saarbrücken.

Lux war ein enger Mitarbeiter von Franz Joseph Niemann, der als Verfechter der reformpädagogischen Ausrichtung die Knabenmittelschule in Saarbrücken aufgebaut hat. Niemann und Lux wollten im Gegensatz zur damaligen gängigen Vorstellung vom absoluten Gehorsam der Schüler eine ganzheitliche Erziehung ohne Drill und Unterordnung.

Als Lehrer wollte Lux die Heimatverbundenheit seiner Schüler positiv verstärken, in der damaligen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation ein schwieriges Vorhaben. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg waren die bis dahin gültigen gesellschaftspolitischen Strukturen zerstört. Die Monarchie war abgeschafft. Das Saarland, wirtschaftlich bedeutend durch den Bergbau und die Stahlwerke, stand, festgeschrieben durch den Versailler Vertrag, unter der Verwaltung des Völkerbundes. Die französische Regierung war nach den Verheerungen während des Ersten Weltkriegs an der wirtschaftlichen Potenz des Saarlandes interessiert und wollte diese Kraft selbst nutzen. Frankreich sicherte sich aus diesem Grund die Rechte an den Kohlegruben und den Stahlwerken im Saarland, das damals noch Saargebiet genannt wurde.

Bereits im Versailler Vertrag von 1919, in dem die Kriegsschuld Deutschland zugeschrieben und Höhe und Dauer der Reparationszahlungen festgelegt wurden, wurde das Procedere einer Volksabstimmung nach 15 Jahren über den Status des Saargebietes geregelt, bei der drei Optionen zur Auswahl bestimmt wurden: Beibehaltung des Status Quo, Eingliederung nach Deutschland oder Eingliederung nach Frankreich.

Frankreich galt damals für die meisten Deutschen noch als der absolute „Erbfeind“. Und nun befand sich das Saarland unter französischer Verwaltung. Wie sollte da eine positive Stimmung aufkommen?!

Hanns Maria Lux wollte seinen Schülern jedoch eine innige Verbundenheit mit der Heimat und der eigenen Geschichte vermitteln. Er wählte den Weg über die Musik: Als Melodie unterlegte er seinem Gedicht die des Steigerliedes, der heimlichen Hymne des Bergbaus.

Das Steigerlied, im Erzgebirge um 1700 entstanden, hat längst den Charakter eines Volksliedes erreicht. Bekannt ist es nicht nur in den großen Bergbauregionen in Deutschland im Erzgebirge, im Ruhrgebiet und im Saarland.

Der Text, den Lux verfasst hat, ist sehr eingängig. Somit waren alle Voraussetzungen für einen sog. „Schlager“ gegeben. Lux betont in seinem Gedicht das „deutsche Wesen“ (sic!) der Saar und damit des Saarlandes. Er hat damit den Nerv der Zeit getroffen und drückte die Gefühle jener Saarländer aus, die mit der Völkerbund-Lösung für das Saarland unzufrieden waren. In dieser Situation hat das Lied durchaus etwas Widerständiges, das sich durch die wiederholte Betonung des Deutsch-Seins gegen die französische Verwaltung richtete.

Das Saarlied entwickelte nach seiner Entstehung eine eigene Dynamik. Es hat sehr schnell den Charakter eines Volkslieds angenommen, ein Lied, das jedermann kennt, und das durch neue Strophen einfach erweitert wurde.

Umso interessanter ist die weitere Rezeption, denn mit der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde aus dem Lied die Hymne, mit der man den Boden für die Volksabstimmung zum Wiedereintritt des Saarlandes in das Deutsche Reich vorbereitete. Nicht nur die Saarländer, sondern auch die Bevölkerung des Deutschen Reiches konnten leicht mit diesem Lied auf einen Wiedereintritt der Saarländer ins Deutsche Reich eingestimmt werden.

Die große Bedeutung, die das Lied für die Reichsregierung angenommen hatte, zeigt sich im dem Sondererlass des Reichsinnenminister Frick, der es zum „Allgemeingut des Deutschen Volks“ erklärte. Daraufhin wurde das Lied sogar in das Parteiarchiv der NSDAP aufgenommen.

Das Lied für den Wahlkampf zu nutzen, war keine ganz leichte Aufgabe, denn die Propagandamittel, die den politisch Verantwortlichen im Deutschen Reich selbstverständlich im vollen Umfang zur Verfügung standen wie die ganze Bandbreite der Medien, waren im Saarland untersagt. Es gab keinen deutschen Sender. Der Reichsrundfunksender Saarbrücken wurde erst nach dem Anschluss 1935 gegründet. Trotzdem wurden im Saargebiet an die Bevölkerung Volksempfänger verteilt, denn die angrenzenden Rundfunksender im Deutschen Reich hatten die notwendige Reichweite, um auch dort empfangen werden zu können. Das Saarlied „Deutsch ist die Saar“ wurde zum Hit, auch im Deutschen Reich.

 

Die anderen Strophen des Saarliedes lauten:

Deutsch bis zum Grab, Mägdlein und Knab'
Und deutsch das Lied und deutsch das Wort
Und deutsch der Berge schwarzer Hort,
Der Berge schwarzer, schwarzer Hort.

Deutsch schlägt das Herz stets himmelwärts,
Und deutsch schlugs, als uns das Glück gelacht
Und deutsch schlägts auch in Leid und Nacht,
In Leid und Nacht, in Leid und Nacht.

Reicht euch die Hand, schlinget ein Band
Um junges Volk, das deutsch sich nennt,
In dem die deutsche Sehnsucht brennt
Nach dir o Mutter, nach dir, nach dir.

Ihr Himmel, hört! Jung Saarvolk schwört;
So lasset uns es in den Himmel schrei'n:
Wir wollen niemals Knechte sein,
Wir wollen ewig Deutsche sein! „

Text: Hanns Maria Lux

Die Melodie folgt dem alten Bergmannslied, das „Steigerlied „Glück auf, Glück auf"

 

Die Abstimmung am 13. Januar 1935 verlief wunschgemäß im Sinne der Nationalsozialisten, über 90% stimmten für die Wiedereingliederung ins Deutsche Reich. Dieses Ereignis wurde von den Nationalsozialisten als „Heimkehr ins Deutsche Reich“ zelebriert.

Lux trat 1937 der NSDAP bei. Sowohl Lux als auch die NSDAP haben sehr gut voneinander profitiert.

Bild Saarabstimmung, © Bundesarchiv, Bild 102-04301A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de,

Bildunterschrift: Die Volksabstimmung an der Saar am 13. Januar 1935. Ankunft der Berliner Abstimmungsberechtigten nach der Abstimmung auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin.

 

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