Auschwitz-Gedenktag 27. Januar 2021

Dr. Karin Germerdonk

Von Dr. Karin Germerdonk

04. Februar 2021

„Ich stehe vor Ihnen – als stolze Deutsche. ...“

Dies ist der erste Satz der Rede von Dr. h.c. Charlotte Knobloch bei den Feierlichkeiten im Deutschen Bundestag anlässlich zum Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz durch die Rote Armee vor 76 Jahren, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Eigentlich doch ein ganz normaler Satz. Und doch fasst Charlotte Knobloch die ganze Problematik mit diesen sieben Worten zusammen. Sie gehört zu den Überlebenden der Shoah, sie und ihre Familie sind von den Nationalsozialisten verfolgt, verschleppt und ermordet worden. Sie hat als Kind überlebt und ihren Stolz und ihre Würde behalten. Was für eine ungeheure Anstrengung mag das gewesen sein, sich als Jüdin in Deutschland, dem Land der Täter, ein neues Leben aufzubauen, zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Marina WeisbandGleichzeitig ist es unwahrscheinlich erschreckend, dass dieser Satz bemerkenswert ist. Diese Tatsache greift auch die zweite Rednerin, Marina Weisband, Überlebende der Shoah in zweiter Generation, auf mit ihren Ausführungen zu „einfach nur Mensch [unter Menschen, die Verf.] sein“. Sie möchte wie alle anderen einfach nur ganz normal sein. Geht aber nicht, denn allein das Tragen religiöser Insignien würde für sie gefährlich sein. Und vor jeder Synagoge steht Polizeischutz.

Das Vernichtungslager ist vor 76 Jahren durch die Rote Armee befreit worden. Erst 50 Jahre später hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog veranlasst, diesen Tag als Gedenktag zu begehen. Nach 25 Jahren ist dieser Tag im politischen Gedenken fest installiert.

In diesem Jahr, 2021, sind zwei Gäste eingeladen worden, um ihre Stimmen zu erheben: Dr. h. c. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und Marina Weisband, Shoah-Überlebende der zweiten Generation und Publizistin.

Auszüge aus der Rede von Charlotte Knobloch:

„Ich stehe vor Ihnen – als stolze Deutsche. … ich stehe vor Ihnen als Mutter, Großmutter, Urgroßmutter, Münchnerin, Bayerin, Deutsche, Europäerin, Jüdin – als Mensch. Ich bitte Sie: Passen Sie auf auf unser Land! Diese Worte richte ich explizit nicht an die ganz rechte Seite des Plenums! Ich kann nicht so tun, als kümmerte es mich nicht, dass Sie hier sitzen. Ich spreche Sie nicht pauschal an! Vielleicht ist die eine oder der andere noch bereit zu erkennen, an welche Tradition da angeknüpft wird. Zu den übrigen in Ihrer „Bewegung“: Sie werden weiter für Ihr Deutschland kämpfen. Und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen. Ich sage Ihnen: Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren!“

Marina Weisband, die 33-jährige Publizistin, die 1994 als jüdischer Kontingentflüchtling mit ihren Eltern aus der Ukraine zugewandert war, spricht als Überlebende der zweiten Generation:

„Jüdin in Deutschland zu sein bedeutet, durch seine bloße Existenz die Erinnerungen der Shoa und des modernen Antisemitismus, von Schuld und Versöhnung in sich zu tragen. … Es bedeutet vor allem zu verstehen, dass es geschehen ist und folglich wieder geschehen kann. Es bedeutet zu verstehen, dass Antisemitismus nicht da beginnt, wo auf eine Synagoge geschossen wird. Dass die Shoa nicht mit Gaskammern begann. Es beginnt mit Verschwörungserzählungen. … „Einfach nur Mensch sein“ bedeutet, dass jüdisches Leben unsichtbar gemacht wird. „Einfach nur Mensch sein“ bedeutet, dass Strukturen von Unterdrückung unsichtbar gemacht werden. Denn jede Unterdrückung – sei es Sexismus, Rassismus, Antisemitismus – lebt davon, dass sie für die Nichtbetroffenen unsichtbar ist. … Denn sie ist nicht ausgestorben, diese Überzeugung, dass es Menschen gibt, deren Würde mehr wert ist. Dass es Menschen gibt, die in dieser Gesellschaft mehr Platz verdienen als andere. Und es ist eine Aufgabe der Solidarität, Seite an Seite mit allen Minderheitengruppen dafür zu kämpfen, wofür die Verfassung dieses Landes steht und was bislang immer eine Utopie war – die Selbstverständlichkeit unserer Koexistenz. Ich sehe es nicht ein, uns darin gegeneinander ausspielen zu lassen!“

Die Überlebenden der Shoah haben unglaublich viel geleistet. Sie haben nach der Befreiung nicht zu Hass und Vernichtung, Erniedrigung und Vergeltung der Verantwortlichen aufgerufen. Sie wollten nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.

Das erlebte Grauen vererbt sich: Man spricht heute von den Shoah-Überlebenden der Zweiten und der Dritten Generation.

Unsere Verantwortung muss sich genauso vererben: Wir müssen zu unserem Erbe stehen und entsprechend handeln. Wir müssen Verfolgte und Unterdrückte wahrnehmen und in Schutz nehmen.

Marina Weisband © By Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen - Gastrede Marina Weisband, LDK Neuss 14./15.6.2019: Wir haben die Erde von unsren Kindern nur geborgt. Gestern. Heute. Morgen!, CC BY-SA 2.0,

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