Zarah LeanderZarah Leander
Zarah Leander
Foto aus dem UfA-Film „Zu neuen Ufern“ von 1937
© Public Domain

40er Jahre

Die Musik in der ersten Hälfte der 40er Jahre ist Musik im Krieg. Durch die gnadenlose Verfolgung und Vernichtung der Menschen jüdischen Glaubens, der Sinti und Roma, der Homosexuellen und vieler derer, die anders dachten, hatte sich die kulturelle Szene grundlegend gewandelt: Die Vielfalt der 20er Jahre ist längst Geschichte. Es herrscht der Nazi-Duktus vor. In den Kinofilmen werden Durchhalteparolen thematisiert. Zarah Leander singt „Davon geht die Welt nicht unter“, Deutschland hört zu.

Wannseelist
Wannseeliste:
Diese Liste wurde für die Wannseekonferenz 1942 verwendet, bei der die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde.
© Public Domain

Ein Lied jedoch überwindet sämtliche Frontlinien und wird von Freund und Feind gleichermaßen gehört: „Lili Marleen“, Text von Hans Leip, Melodie von Norbert Schultze. Die Ursprünge reichen wieder zurück in den Ersten Weltkrieg, denn damals verfasste Hans Leip die ersten drei Strophen. Mit einer neuen Melodie und den restlichen Strophen geht das Lied um die Welt und wird zu dem Lied des Zweiten Weltkriegs. Auch wenn das Lied aus Nazi-Deutschland kommt, wird es auch von den Feinden der Nationalsozialisten adaptiert und mit wahrer Begeisterung gesungen und im Radio gespielt. Das Lied avanciert zur Hymne der Soldaten über alle Frontlinien hinweg.

Das Schicksal von Leon Jessel ist besonders tragisch, denn er stand in etlichen Punkten der nationalsozialistischen Ideologie nicht ablehnend gegenüber. Trotzdem schrieb er an Wilhelm Sterk in einem Brief: „Ich kann nicht arbeiten in einer Zeit, wo Judenhetze mein Volk zu vernichten droht, wo ich nicht weiß, wann das grausige Schicksal auch an meine Tür klopfen wird.“ Aufgrund dieses Briefes wurde Leon Jessel am 15. Dezember 1941 von der Gestapo verhaftet und so sehr misshandelt, dass er ein paar Tage nach seiner Entlassung am 4. Januar 1942 im jüdischen Krankenhaus in Berlin verstarb.

Am 20. Januar 1942 fand ein Treffen von 15 Ministerialbeamten des NS-Regimes statt. Diese Konferenz veranstaltete Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes im Gästehaus einer Villa am Wannsee. Thema war die „Endlösung der Judenfrage“. Man war jedoch bereits mittendrin in der Deportation zu den Vernichtungslagern in Osteuropa und der unmittelbar nach der Ankunft im Lager stattfindenden Vernichtung durch Vergasung. Diese Zusammenkunft ging als „Wannseekonferenz“ in die Geschichte ein.

Berlin – Wunschkozert im Rundfunkhaus
Wunschkonzert im Berliner Rundfunkhaus
© Bundesarchiv Bild 121-1402

Fritz Löhner-Beda, der bis dahin im KZ Dachau saß, wurde am 17. Oktober 1942 nach Auschwitz transportiert. Dort arbeitete er als Zwangsarbeiter bei den Buna-Werken der IG Farben. Am 4. Dezember 1942 wurde er dort von den Wächtern so sehr geschlagen und misshandelt, dass er seinen Verletzungen erlegen ist.

In Deutschland hat sich die Stimmung nach der Niederlage von Stalingrad grundlegend geändert. Bis dahin waren die deutschen Truppen kaum aufzuhalten gewesen, ein Blitzsieg folgte dem anderen. Mit dem Fall von Stalingrad begann die Zeit der Rückzüge, der großen Verluste. Goebbels reagierte: Die Wunschkonzerte, die bis dahin durch den Rundfunk eine Verbindung von der Heimat zu den Soldaten hergestellt hatten, wurden eingestellt. Trotzdem wurden die Deutschen zu keinem Zeitpunkt über die tatsächliche militärische Lage auch nur andeutungsweise aufgeklärt.

Wannseelist
1938: Heinz Drewes zwischen Richard Strauss und Joseph Goebbels auf den von Drewes initiierten und organisierten 1. “Reichsmusiktagen” Düsseldorf im Anschluss an die “Kulturpolitische Kundgebung” ("Deutsche Sängerbundeszeitung Amtsblatt des Deutschen Sängerbundes" 4. Juni 1938)
Joseph Goebbels and Richard Strauss © By Unknown author – http://www.draeseke.org/discs/drewes.htm or http://ralph-braun.com/, Public Domain

Besonders faszinierend ist jedoch die Tatsache, dass genau in dieser Zeit die „Gottbegnadetenliste“ zusammengestellt wurde. Urheber dieser Liste sind Adolf Hitler und Joseph Goebbels. Sie stellten eine Liste jener Künstler zusammen, von denen sie annahmen, dass sie ganz besonders der Nazi-Ideologie anhingen. Anscheinend war es ihr Ziel, dass diese Persönlichkeiten ihre Ideologie weitertragen könnten, auch wenn das Dritte Reich bereits untergegangen ist. In diese Liste wurden aus jeder künstlerischen Richtung jeweils drei Künstler ausgewählt, die noch wichtiger waren als jene Künstler, die bereits „unabkömmlich“ waren und vom Dienst an der Front freigestellt wurden. Im Bereich der Musik waren es Richard Strauss, Wilhelm Furtwängler und Hans Pfitzner.

Auch Willy Fritsch, der singende Schauspieler aus dem Erfolgsfilm „Die Drei von der Tankstelle“ wurde von Joseph Goebbels in die „Gottbegnadetenliste“ aufgenommen, dennoch wurde er auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Schauspieler erfolgreich eingesetzt. Heinz Rühmann, der mit den Nazis sympathisierte, gehörte nicht zu den „Gottbegnadeten“. Aufgrund seiner Nähe zu den Mächtigen des Dritten Reichs erhielt er nach dem Krieg zunächst von den Alliierten Berufsverbot, bis ihm dann doch die Fortsetzung seiner Karriere gelang.

Verwehte Spuren, verlorene Klänge:
Auf der Suche nach der untergegangenen Welt

„Verwehte Spuren“: map 628261280
Karte mit den Gebietsverlusten Österreich-Ungarns, und den neuen Staatsgrenzen in Mittel- und Osteuropa ab 1920/1921.
© By Christo, Xbspiro, Imre – Überarbeitung von :hu:Kép:Trianon.png, CC BY 2.5

Durch die Grenzziehungen der Siegermächte des Ersten Weltkriegs sind große Bereiche der Musik und Literatur, die bis zu diesem Zeitpunkt fest im Deutschen Kaiserreich und in der k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn verankert waren, verloren gegangenen. Relevant wurde dieser Verlust erst durch die fast vollständige Vernichtung der Menschen, die diese Welt repräsentierten, durch die Verfolgung und Ermordung der Nationalsozialisten. Auch die Grenzziehungen im kalten Krieg haben diesen Verlust zementiert.

Ödön von Horváth: Gedenktafel Martin-Luther-Str. 20a, Berlin
Ödön von Horváth: Gedenktafel Martin-Luther-Str. 20a, Berlin
©y OTFW, Berlin – Self-photographed, CC BY-SA 3.0

Man sollte sich vergegenwärtigen, dass etliche Bereiche des heutigen Polens, des Baltikums und Schlesiens früher deutsch gewesen sind, weite Bereiche Weißrusslands, Rumäniens, Tschechiens, der Slowakei und Ungarns zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gehörten. Dadurch werden manche literarische Topoi von Dichtern und Literaten, die in diesen Gebieten gelebt und gewirkt haben, erst verständlich. Als Beispiel kann das Werk von Joseph Roth gelten, der den Untergang der K. u. K.-Monarchie in seinem Buch „Radetzkymarsch“ so trefflich beschreibt, oder jenes von Ödön von Horváth, der mit seinen Theaterstücken und Romanen die Probleme der österreichischen Gesellschaft im Übergang zur nationalsozialistischen Diktatur beschreibt, ja anprangert. Des Weiteren sind zu erwähnen Manès Sperber, Victor Klemperer, Paul Celan, Rose Ausländer, Max Brod, oder Elias Canetti, aber auch Gregor von Rezzori stellvertretend für zahlreiche weitere Künstler.

Die Rezeption eines Künstlers basiert auf dem Erinnerungsvermögen seiner Rezipienten, die auf das „greifbare“ Werk von Komponisten und Komponistinnen, nämlich die Kompositionen, zurück greifen und es wieder aufführen könn(t)en, auch nach dem Tod des Künstlers. Die Rezeptionsgeschichte ist jedoch nur mit Mühe wieder zu beleben, wenn der Faden einmal abgerissen ist. Es bedarf dazu einiger Anstrengungen. Erschwerend kommt aber hier noch eine andere Hürde dazu: Es sind Künstler, deren Rezeptionsgeschichte durch Verfolgung und Ermordung von Nationalsozialisten abgerissen ist.

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