Wahlrecht: Das illustrierte Blatt Januar 1919Wahlrecht: Das illustrierte Blatt Januar 1919
Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933
© Bundesarchiv Bild 146-1972-026-11

30er Jahre

Der erste Tag der Machtübernahme Adolf Hitlers, der 30. Januar 1933, endete so ergreifend: Der Zug durch das Brandenburger Tor in Berlin, mystisch erleuchtet durch das Feuer brennender Fackeln, dazu Marschmusik. Adolf Hitler war am Ziel, er hatte die Macht inne.
20er Jahre: Bauhaus
Horst-Wessel-Lied: Das Lied der NSDAP
© Horst Wessel

Ein Marsch erhält eine ganz besondere Bedeutung: Der Badenweiler Marsch, dessen Name sich nicht auf die Stadt Badenweiler bezieht, sondern auf die Stadt Badonviller in Lothringen, Frankreich. Dort fand am 12. August 1914 eine Schlacht statt, die für das Deutsche Kaiserreich siegreich endete, Anlass für Georg Fürst, diesen Marsch zu komponieren. Georg Fürst hat viele Märsche komponiert. Aber nur genau dieser Marsch wurde ausgewählt, um die Auftritte Hitlers anzukündigen. Der Marsch mit seinen aufspringenden Quarten, dem Jagdmotiv schlechthin, symbolisiert nationalen Stolz, steht für Optimismus und Vaterlandsliebe.

Die Oper „Rienzi“ von Richard Wagner gehörte zu den Lieblingsopern Hitlers. Für Hitler war der Stoff auch zu verführerisch, ein Volkstribun, der nur das Wohl „seines“ Volkes im Sinn hat, welch ein Vorbild. So hehr, so groß. Er identifizierte sich mit dem Volkstribun Rienzi, der doch nur Gutes für „sein“ Volk will. An das Ende von Rienzi wird er nicht gedacht haben, verlassen von allen, nur die Schwester Isolde hält noch zu ihm, Rienzi scheitert und geht unter, beide sterben. – Und Hitler? Wir wissen heute, dass er sich am 30. April 1945 das Leben nahm, gemeinsam mit seiner Frau, Eva Braun, mit der er am Tag zuvor eine Ehe einging.

Es gibt etliche Musiktitel, die zu braunen Erkennungsmelodien wurden. Das „Horst-Wessel-Lied“, komponiert vom Berliner SA-Mann Horst Wessel, kam 1929 auf und wurde nach der Ermordung Wessels zu „dem“ Marschlied der SA, dann zur Parteihymne der NSDAP und sogar zur zweiten Nationalhymne des Deutschen Reichs.

1920: Jedermann, Alexander Moissy
Richard Strauss
© Bain News Service, publisher – Library of CongressCatalog

Die Facetten der Musik in den 30er Jahren setzen sich zusammen aus der Musik, die wie oben beschrieben wie nationalsozialistische Hymnen eingesetzt werden. Dazu gesellt sich später das Motiv aus „Les Preludes“ von Franz Liszt zur Ankündigung der Berichterstattung von der Ostfront.

Unverzüglich macht sich die neue Reichsregierung daran, das Reich und seine Institutionen zur Erreichung eigener Ziele umzugestalten. Sie bedient sich Justiz und Gesetzgebung mittels Paragrafen und Vorschriften, um bestimmte Bevölkerungsgruppen aus der Kulturgemeinschaft und damit auch aus der Gesellschaft auszuschließen. Innerhalb eines sehr kurzen Zeitraumes hatten Adolf Hitler und seine Gefolgsleute der NSDAP das Land per Gesetzgebung fest im Griff und konnten ungestört die Nazi-Ideologie durchsetzen. Eines der zentralen Gesetze war das Reichsermächtigungsgesetz, das Hitler am 24. März 1933 im Reichstag erzwang. Anlass war die Brandstiftung des Berliner Reichstagsgebäudes vom 27. auf den 28. Februar 1933. Danach war der Weg frei zur Gleichschaltung der Medien, Parteien, Verbände und Vereine nach den ideologischen Richtlinien der NSDAP. Damit unterlagen alle Lebensbereiche dem Einfluss und der Gestaltungskraft der Ideologie der Nationalsozialisten. Es gab kein Entkommen mehr. Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurde im ganzen Reich wie ein mystischer Akt zelebriert. (Jahrzehnte später hat Jürgen Serke in seinen Veröffentlichungen daraus das Schlagwort und den Titel „Die verbrannten Dichter“ gemacht.)

Im September 1933 wurde die Reichskulturkammer gegründet, die dem Ministerium für Aufklärung und Propaganda von Joseph Goebbels unterstellt war. Alle, die im Bereich Kultur tätig waren, mussten Mitglied in einer der sieben Kammern sein. Richard Strauss war der erste Präsident der Reichsmusikkammer.

Jüdische Menschen werden systematisch ausgegrenzt
Auswirkungen der Nürnberger Rassegesetze: Jüdische Menschen werden systematisch ausgegrenzt:
© Manfred Brueckels – Own work, CC BY-SA 3.0

1935 trat er von diesem Amt zurück im Zuge der Auseinandersetzung um die Aufführung von „Mathis der Maler“ von Paul Hindemith. Sein Nachfolger war Peter Raabe, der das Amt bis zum Untergang innehatte.

Zugangsvoraussetzung zu einer der Kammern war der sog. Ariernachweis, der Nachweis per Ahnentafel, „arischer“ Abstammung aus einer „arischen“ Volksgemeinschaft zu sein. Dieses war der Beginn der Ausgrenzung der Nicht-„Arier“, also der Menschen jüdischen Glaubens, der Sinti und Roma, die damals „Zigeuner“ genannt wurden, der Kommunisten, der Homosexuellen und all derer, die den Nazis widerstanden.

Viele, die die Ideologie der Nationalsozialisten aus voller Überzeugung ablehnten, flohen bereits in der Zeit unmittelbar nach der Machtübernahme Hitlers aus Deutschland. Zum Fluchtziel wurden Paris, London und zunächst auch Österreich, die Tschechoslowakei und Ungarn, also vor allem Wien, Prag und Budapest.

Brennende Synagoge Reichspogromnacht 9. November 1938
Wiesbaden: Brennende Synagoge Reichspogromnacht 9. November 1938
© Public Domain

Mit dem In-Kraft-Treten der Nürnberger Rassengesetze im September 1935 wurde es der jüdischen Bevölkerung unmöglich, am gesellschaftlichen Leben weiter teil zu nehmen. Vieles, was bis zur Machtergreifung Hitlers möglich war, rückte nun vollends in unerreichbare Ferne: Teilnahme am kulturellen Leben, als jüdischer Musiker jedes Stück spielen zu können, jedes Konzert besuchen zu dürfen… Die Liste der Verbote ist erschreckend lang. Ziel war die Diskriminierung und vollständige Ausgrenzung der „nicht-arischen“ Bevölkerung, vor allem der Juden.

Mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 erreichte die Verfolgung der Juden einen ersten Höhepunkt: Deutschlandweit wurden fast alle Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Menschen aus ihren Häusern geholt, gedemütigt, verprügelt und verhaftet.

Moorsoldaten: By Frank Vincentz
“Wir sind die Moorsoldaten” Liedblatt mit Melodie und Text
© Frank Vincentz – Own work, CC BY-SA 3.0

Die Konzentrationslager wurden unmittelbar nach dem Machtantritt Hitler geschaffen. Eines der ersten Konzentrationslager war das KZ Dachau bei München. Weitere Lager wurden verstreut über ganz Deutschland errichtet, die späteren Vernichtungslager jedoch nur in den eroberten Ostgebieten.

Fritz Löhner-Beda wurde einen Tag nach dem Anschluss Österreichs verhaftet und kam mit dem sog. Prominententransport am 1. April 1938 in das KZ Dachau. Der Grund: Er war Jude. Dort schrieb er den Text zum „Buchenwaldlied“, vertont von Hermann Leopoldi. Die Lagerleitung, insbesondere der erste Schutzhaftlagerkommandant von Buchenwald Arthur Rödl, bestand auf einem speziellen Lied für das Lager. Von der Leitung war es als Erniedrigung der Häftlinge gedacht, denn sie mussten dieses Lied bei vielen Gelegenheiten, vor allem bei Ein- und Auszug zur Arbeit, perfekt singen. Es wurde das Lied, mit dem sich alle Häftlinge identifizieren konnten, denn in dem Refrain heißt es:

„O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
und was auch unser Schicksal sei,
wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen,
denn einmal kommt der Tag: dann sind wir frei!“

Bereits im August 1933 wurde im KZ Börgermoor, in dem ausschließlich politische Häftlinge interniert waren, ein Lied von den Häftlingen getextet, komponiert und aufgeführt, das als „Das Moorsoldaten-lied“ bekannt und berühmt wurde. Der Text wurde von Johann Esser und Wolfgang Langhoff verfasst, die Musik wurde von Rudi Goguel komponiert. Es wurde trotz des umgehenden Verbotes durch die Lagerleitung zu einem Lied, mit dem sich alle identifizierten, auch das Wachpersonal

Entartete Musik: By Voix Etouffées
Plakat zur Ausstellung „Entartete Musik“:
© Voix Etouffées – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25505177

Ganz anders erging es Carl Orff, dessen berühmtestes Werk, die „Carmina Burana“, 1937 uraufgeführt wurde. Einzigartig ist das enorm große Schlagwerk, dadurch wird die raffinierte Rhythmik besonders betont. Orff war von Anfang an von der besonderen Stellung seines Werkes überzeugt, für ihn fingen erst jetzt „seine gesammelten Werke“ an. Carl Orff gehört zu den Künstlern, die sich mit den Nationalsozialisten arrangiert haben, genauso wie Hans Pfitzner, Werner Egk, Michael Jary oder Norbert Schultze.

1938 wurden in Düsseldorf die ersten Reichsmusiktage veranstaltet. Als begleitende Veranstaltung konzipierte Hans Severus Ziegler die Ausstellung „Entartete Musik“, orientiert an der Wanderausstellung „Die entartete Kunst“, die ein Jahr zuvor in München startete. Ziel war eine Auflistung der Werke und Komponisten, die nicht in Sinne des Regimes arbeiteten und aus diesem Grund von den Nazis verfolgt und vernichtet wurden.

Es gab sie aber, die Menschen, die sich nicht instrumentalisieren wollten und einfach weiter ihre Musik spielten, auch wenn es sie das Leben kostete. Ein Beispiel ist die Swing-Jugend, also Jugendli-che, die diese Musik liebten.

Viele, die den Nazis widerstanden, gingen sofort ins Exil wie Marlene Dietrich, deren Karriere mit dem Film „Der Blaue Engel“ von 1929 startete, besonders ihr Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Für sie war eine Rückkehr nach Deutschland, das bereits fest in den Händen der Nationalsozialisten war, vollkommen undenkbar.

Musik und Literatur der durch die Nationalsozialisten verfolgten Musikerinnen, Musiker, Komponistinnen und Komponisten

Ernst Toch
Das Blaue Heft Juni 1933
© Lieselotte Maas: Handbuch der deutschen Exilpresse 1933–1945. Hrsg.: Eberhard Lämmert. Band 4. Die Zeitungen des deutschen Exils in Europa von 1933 bis 1939 in Einzeldarstellungen. Carl Hanser Verlag, München/Wien 1990, ISBN 3-446-13260-0, Das Blaue Heft, S. 46–50, hier: S. 47

Ein zentraler Bereich des Forums Alma Rosé ist den verfolgten Komponistinnen, Komponisten, Musikerinnen und Musiker der NS-Zeit gewidmet und dient der Aufklärung über ihre Schicksale. Die Liste der ins Exil getriebenen, verfolgten, internierten und ermordeten Künstlern ist lang: Alma Rosé, Arnold Schönberg, Kurt Weill, Hanns Eisler, Ernst Toch, Paul Hindemith, Paul Dessau, Wolfgang Erich Korngold, Pavel Haas, Friedrich Hollaender, Stefan Wolpe, um nur einige prominente Namen stellvertretend für alle anderen zu nennen.

Manche, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, konnten rechtzeitig fliehen und sich im Ausland in Sicherheit bringen. Wesentlich bei der Darstellung der Lebensgeschichte der Emigranten ist die Frage nach dem Bruch in der Lebensgeschichte, ausgelöst durch jene Vertreibung und Flucht, und was daraus erfolgte. Einige Prominente sind im Gedächtnis geblieben wie Arnold Schönberg oder Kurt Weill. Aber die große Mehrheit ist einfach in Vergessenheit geraten.

Ein anderer Teil der Künstler wurde ausgegrenzt, interniert und ermordet. Zum Teil haben die Nationalsozialisten so gründlich gewütet, dass fast nichts mehr an diese Persönlichkeiten erinnert. Die Einflussnahme der Nationalsozialisten soll thematisiert werden, wissenschaftlich exakt, aber dennoch verständlich für alle Interessierten, denn wer kennt noch all die Namen der Musikerinnen und Musiker von damals oder spielt heute noch Werke jener Komponistinnen und Komponisten, die vor 1933 fest im deutschen Musikbetrieb integriert waren?

Ernst Toch
Ernst Toch
© By Anonymous – Camner, James (ed.): Great Composers in Historic Photographs, p. 116. (Dover, New York 1981.), Public Domain

Dem Forum „Alma Rosé“ geht es auf musikwissenschaftlicher Ebene auch um Entdeckung, Wiederentdeckung und Wachhalten der Erinnerung an all diese Verfolgten. Die schöpferische Tatkraft von Komponisten wird automatisch durch Aufführung ihrer Werke gewürdigt. Man muss sie „nur“ wiederentdecken und der Öffentlichkeit präsentieren. An der Rezeptionsgeschichte des Werkes von dem österreichischen Komponisten Ernst Toch ( geboren am 7. Dezember 1887 in Wien, gestorben am 1. Oktober 1964 in Santa Monica, Kalifornien, USA) lässt sich beispielhaft ersehen, wie schwierig dieses Unterfangen ist. Toch gehörte in den 20er Jahren zu den bekanntesten und vielfach aufgeführten Komponisten. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus war seine Karriere abgeschnitten. Heute ist sein Werk fast unbekannt.

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