Wahlrecht: Das illustrierte Blatt Januar 1919Wahlrecht: Das illustrierte Blatt Januar 1919
Wahlrecht „Das illustrierte Blatt“ Jan 1919
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20er Jahre

Nach dem Ersten Weltkrieg sind beide Länder demokratische Republiken, für beide Länder ist diese Regierungsform neu. Neu ist auch das eingeführte Frauenwahlrecht, das sowohl die Präsenz der Frauen in der öffentlichen Gesellschaft als auch die Emanzipation der Frauen befördert.

Eine Zensur gibt es nicht mehr, denn das Wesensprinzip einer Demokratie ist der Streit, die Auseinandersetzung der unterschiedlichen politischen Meinungen. Gedacht und erwünscht ist eine wohlsituierte Form der Auseinandersetzung. Jedoch in Deutschland und in Österreich nimmt die Lust an Ausübung von Gewalt stetig zu. Gepaart mit einer zunehmenden Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation ergibt dies eine äußerst streitbare und kampflustige Stimmung.

20er Jahre: Bauhaus
Das Bauhaus, Hauptgebäude in Dessau, Architekt Walter Gropius.
© ohne Angabe
Wie Österreich ist auch Deutschland ist aufgrund seiner Geschichte ein föderaler Staat. Deshalb gibt es eine Vielzahl von Städten, die in den zwanziger Jahren entscheidende Kulturzentren waren. Die Reichshauptstadt Berlin ist selbstverständlich Deutschlands bedeutendste Kulturmetropole. Daneben sind jedoch weitere Städte wichtig wie München, Hamburg, Frankfurt am Main, Stuttgart, Weimar/Dessau (Bauhaus), Nürnberg, Breslau, Köln oder Hannover, um nur die Wesentlichsten zu nennen.
1920: Jedermann, Alexander Moissy

Salzburger Festspiele 1920: „Jedermann“ (Alexander Moissi):
© Archiv der Salzburger Festspiele/Foto Ellinger – www.salzburgerfestspiele.at, CC BY 3.0

In Österreich ist Wien die beherrschende Stadt. Wien ist geprägt durch die 800 Jahre lange Habsburger Monarchie, besticht durch eine Vielzahl von Musikstätten, Theatern und Aufführungsmöglichkeiten. Wien ist ein Magnet, der viele Künstler und Komponisten anzog und bis heute anzieht.

Als weitere wichtige Musikmetropole wird nach dem Ersten Weltkrieg Salzburg aufgebaut durch die Einführung der Salzburger Festspiele 1920 durch Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal. Tradition wird die Aufführung von „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal mitten in Salzburg.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers ergreifen viele Künstler wie Oskar Straus die Flucht nach Paris, einem Ort, an dem man sich sicher vor den Übergriffen der Nazis wähnte. Der Wiener Komponist Robert Stolz, der nach dem Ersten Weltkrieg nach Berlin übersiedelt war, ging zunächst aus Protest gegen die Nazis nach Wien zurück, emigrierte 1938 von dort nach Frankreich und endlich in die USA.

Das Hoch der Zwanziger Jahre endet mit der Weltwirtschaftskrise 1929, mit dem Paukenschlag des sog. Black Friday, dem Börsenkrach der New Yorker Börse vom 25. Oktober 1929.

Musik der 20er Jahre

Politisches Lied:

Die Weimarer Republik ist aus den Unruhen und Streiks nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstanden. Im Zuge dieser Unruhen dankte der Kaiser ab, zugleich wurde der Adel als Regierungsform komplett abgeschafft.
Die Stimmung auf der Straße und in weiten Teilen der Bevölkerung gibt das Kampflied „Auf, auf zum Kampf“ von 1919 wieder, das die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg thematisiert:

Auf, auf zum Kampf, zum Kampf!!
Zum Kampf sind wir geboren!! Auf, auf zum Kampf, zum Kampf!!
Zum Kampf sind wir bereit!!
|: Dem Karl Liebknecht, dem haben wir's geschworen,!
Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand. :|. !

Die kommunistische Bewegung dichtete einen bekannten Soldatenmarsch aus dem Ersten Weltkrieg um. Der Ursprungsmarsch hat sechs Strophen, in dem es um den Tod eines Sohnes geht, der als Sol-dat im Kampf gefallen ist, beweint von seinen Eltern und seiner Braut. Er hat sich im Kampf für ein höheres Ziel, der Verteidigung des Vaterlandes, hingegeben

1. Auf, auf zum Kampf, zum Kampf!
Zum Kampf sind wir geboren!
Auf, auf zum Kampf, zum Kampf,!
zum Kampf fürs Vaterland.!
|: Dem Kaiser Wilhelm haben wir's geschworen,!
Dem Kaiser Wilhelm reichen wir die Hand. :|!

6. Wir fürchten nicht, ja nicht,!
den Donner der Kanonen,!
ob er uns gleich, ja gleich! zum Untergange ruft.!
|: Drum wollen wir es nochmals wiederholen:!
Der Tod im Felde ist der schönste Tod. :| !

Auf auf zum Kampf, 1914
Kampflied der deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg „Auf auf zum Kampf“, von 1914
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Diese Aufopferung für ein höheres und damit über dem eigenen Leben stehendes Ziel wird in dem von den Kommunisten umgedichteten Kampflied aufgegriffen und umgedeutet. Man soll sich nicht mehr dem Vaterland hingeben, sondern sich voll und ganz für die kommunistische Idee engagieren. Die ursprünglich sechs Strophen werden komprimiert, vier bleiben übrig.

Der Marsch selbst hat eine eingängige Melodie und einen markanten Rhythmus. Es werden keine schwer zu singenden Intervallsprünge verlangt. Auch der Tonumfang ist gut singbar. Damit sind alle Voraussetzungen erfüllt, dass das Lied schnell wiedergegeben werden kann

Klassische Musik

1919 ist auch das Jahr der Uraufführung der Oper „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss in der Wiener Staatsoper. Das Libretto verfasste Hugo von Hofmannsthal. Richard Strauss komponierte eine musikalisch sehr anspruchsvolle Oper, für die fünf Hauptpartien benötigt werden: Kaiser, Kaiserin, Färber, Färbersfrau und Amme, ein großes Orchester sowie eine ausgeklügelte Bühnentechnik.

In der Oper geht es um Liebe, Menschlichkeit bzw. Mensch-Werdung sowie Erlösung durch Verzicht auf die Befriedigung des eigenen Glücks, um dadurch andere nicht ins Unglück stürzen zu müssen, nach dem Ersten Weltkrieg Themen von eminenter gesellschaftspolitischer Bedeutung. Er bezeichnete in seinen „Betrachtungen und Erinnerungen“ seine Oper als „Schmerzenskind“: „Nach dem ersten großen Erfolg trat die Oper einen Leidensweg über die deutschen Bühnen an. … Es war ein schwerer Fehler, dieses schwer zu besetzende und szenisch so anspruchsvolle Werk unmittelbar nach dem Krieg mittleren und kleineren Theatern anzuvertrauen. Als ich später nur einmal die Stuttgarter Nachkriegsausstattung („auf billig“) sah, begriff ich, dass das Werk nur wenig Erfolg haben konnte. Schließlich hat es sich aber doch durchgesetzt und besonders in der Wiener-Salzburger Aufführung (Krauss-Wallerstein) und zuletzt in München (Krauss-Hartmann-Sievert) tiefen Eindruck gemacht. Und gerade künstlerische Menschen halten es für mein bedeutendstes Werk.“

Die Entstehung der Oper ist von Hugo von Hofmannsthal ausgegangen, der bei der Suche nach dem Stoff von den „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ von Johann von Goethe inspiriert wurde. Er schreibt in seinen „Reflexionen aus dem Nachlass (1919): „Nicht das Leuchtende durch Furcht verdunkeln, nicht dem wunderbaren Vogel die Flügel binden! Mut ist das innere Licht in jedem Märchen, darum ist die Kaiserin so leuchtend und mutig – und wirft sich, wo ihr schaudert, mit erhobenen Flügeln, wie ein Schwan, dem Fremden und Geheimnisvollen entgegen.“

Karl Bauer: Hugo von Hofmannsthal, 1920
Hugo von Hofmannsthal 1920
© Karl Bauer – Albert Soergel Dichtung und Dichter der Zeit: eine Schilderung der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte 1916

Fast zur gleichen Zeit ist die Operette „Das Schwarzwaldmädel“ von Leon Jessel entstanden, sie war in der Weimarer Republik ein ungeheurer Publikumserfolg, denn sie wurde über 6000 Mal aufgeführt. Das bedeutet, diese Operette wurde an vielen deutschsprachigen Spielstätten über Jahre hinweg kontinuierlich aufgeführt. Auch hier geht es um Liebe, jedoch ermöglicht diese Operette ein Erinnern an jene vergangenen Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, als noch scheinbar alles in Ordnung war. Jessel gestattet seinen Zuhörern das Abtauchen in eine heile Welt und unterstreicht dieses mit eingängigen Melodien und Harmonien.

Gedenktafel Düsserdorfter Str. 47 (Wilmersd) Leon Jessel

Leon Jessel Gedenktafel Düsseldorfer Str 47, Berlin (Wilmersdorf)
© OTFW, Berlin – Self-photographed, CC BY-SA 3.0

Das musikalische Leben in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist in Deutschland und Österreich geprägt von einem immensen Auftrieb und einer enormen kreativen Vielfalt. Manche Neuorganisation ergab sich aus der neuen Regierungsform, denn die in Deutschland bis dahin regierenden Adelshäuser standen nicht mehr als Arbeitsgeber für Orchester und andere kulturelle Organisationen zur Verfügung. Als Rechtsnachfolger waren Stadt/Land/Bund für diese Orchester und Spielstätten verantwortlich. Damit erreichte die Demokratisierung letztendlich auch die Zuhörer, denn nun sollten alle Teile der Bevölkerung Anteil nehmen können an Kultur und Musik durch freie Zugänglichkeit. Der Staat sah sich in der Pflicht, diesen Auftrag zu ermöglichen. Dazu kam, dass es aufgrund der verbesserten Arbeitszeiten und -möglichkeiten nun auch mehr Freizeit den Angestellten und Arbeitern zur Verfügung stand.

In Deutschland und Österreich fiel mit der Einführung der neuen Staatsform als Republik auch die Zensur weg. Die damit gegebenen Möglichkeiten, sich künstlerisch frei ausdrücken zu können, und die umwälzenden gesellschaftlichen Neuordnungen scheinen einherzugehen mit einer Fülle von neuen musikalischen und kulturellen Ideen. Expressionistische Kompositionen im Stil der Zwölftontechnik Arnold Schönbergs, spätromantische Werke von Richard Strauss oder Hans Pfitzner, Jazz, Schlager, inspiriert vom Dadaismus, geben eine unglaubliche Lebensfreude wieder, Operetten von Leon Jessel, Franz Lehár, Robert Stolz oder Ralph Benatzky, für jeden Geschmack ist etwas dabei.

In zahlreichen Schlagerstücken schlägt der Dadaismus mit seinen unsinnigen Texten durch, bei denen es scheinbar nur auf Rhythmus und Singbarkeit ankommt. Die Welt der Schlager der Weimarer Republik, der „Goldenen Zwanziger“, wird häufig mit den Comedian Harmonists und ihrer unnachahmlichen Gesangskunst und frech-frivolen Texten gleichgesetzt.

1923 übersetzte Fritz Löhner-Beda einen Songtext „Yes! We have no Bananas“ von Frank Silver und Irving Cohn. Seine Übersetzung “Ausgerechnet Bananen” war viel erfolgreicher als das Original und spielte Millionen ein. Der Text ist eigentlich banal, frivol und unbeschwert: Die Dame des Herzens verlangt als Gabe ausgerechnet Bananen, nichts anderes kann sie zufrieden stellen.

Als Librettist arbeitete Löhner-Beda viel mit Franz Lehár zusammen, gemeinsam mit Ludwig Herzer schrieb er 1928 das Libretto für die Operette „Das Land des Lächelns“. Die Arie „Dein ist mein ganzes Herz“ wurde ein Welthit, der Text ist eine einzige Liebeserklärung. Die Juden Löhner-Beda und Leon Jessel fest in der Gesellschaft verankert, anerkannt und berühmt.

Ludwig Herzer, Franz Lehár, Fritz Löhner-Beda, 1928
Franz Lehár (Mitte) mit seinen Librettisten Ludwig Herzer (links) und Fritz Löhner-Beda, 1928
© By Karl Winkler, ÖNB, Bildarchiv Austria, Inventarnummer 296.190

Zwei weitere Opern sind zu nennen, die die musikalischen und gesellschaftspolitischen Neuerungen auf jeweils ganz spezielle Art aufgreifen:

Ernst Kreneks Oper „Jonny spielt auf“ wurde am 10. Februar 1927 im Neuen Theater in Leipzig uraufgeführt und machte von Anfang an Furore, denn Krenek baute viele Jazz-Elemente in seine Komposition ein. Auch in der Besetzung und in der Thematik greift er Themen aus der neuen Welt auf: Einer der Hauptfiguren, der Jazzbandgeiger Jonny, ist ein Schwarzer als Vertreter der Neuen Welt. Er steht in Konkurrenz zum Komponisten Max, der die alte Welt symbolisiert. Das Plakat zur Oper zeigt einen schwarzen Musiker mit einem Saxophon. Noch während der Weimarer Republik störten immer wieder nationalsozialistische Anhänger die Aufführungen.

Krenek Jonny spielt auf Titel Klavierpartitur
Ernst Krenek „Jonny spielt auf“ Titelbild der Klavierpartitur
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Nur ein Jahr später fand die Uraufführung der „Dreigroschenoper“ statt, der Text war von Bertolt Brecht, die Musik von Kurt Weill. Bis zur Machtergreifung Hitlers war diese Oper das erfolgreichste Theaterstück. Die Songs wurden zu Welthits. Die „Moritat von Mackie Messer“ entstand buchstäblich in letzter Minute. Brechts kommunistische Auffassung führte zum Aufführungsverbot unmittelbar nach der Machtübernahe Hitlers.

Berlin lebte, und lebt auch heute noch, von der Vielfalt von Varietées und Kleinkunstbühnen, die alle ihr Publikum hatten und haben. Denn das war das Faszinierende der „Goldenen Zwanziger“: Alle Künstler, ganz gleich, was sie schufen, waren in die Gesellschaft eingebunden, hatten ihre Anhänger, ihr Publikum, ihr Ansehen. Sie konnten leben ohne staatliche Ausgrenzung und ohne Berufsverbote von Staats wegen fürchten zu müssen. Ihre Religionszugehörigkeit hatte in der Regel überhaupt keine Relevanz. So auch nicht bei Friedrich Holländer, in Berlin der Weimarer Republik eine wichtige Persönlichkeit. Er komponierte die Musik zu dem Film „Der blaue Engel“ von Josef von Sternberg, insbesondere das Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ mit dem Marlene Dietrich berühmt wurde.

The blue Angel Dietrich
Marlene Dietrich in dem UfA-Film „Der Blaue Engel“ von 1930
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1930 erschien der Film „Die Drei von der Tankstelle“, ein Film mit Willy Fritsch, Heinz Rühmann und Oskar Karlweis. Besonders markant ist dort das Lied „Ein Freund, ein guter Freund“, in dem die besondere Kameradschaft besungen wird. Die Comedian Harmonists treten auch in diesem Film auf, ihre Version des Liedes wird sehr bekannt. Sie sind auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers müssen Oskar Karlweis, Erich A. Collin, Harry Frommermann sowie Roman Cycowski Deutschland verlassen. Karlweis floh über 1933 Wien, 1938 in die Schweiz und Paris und 1940 in die USA.

1931 entstand das Lied „An allem sind die Juden schuld!“, Friedrich Holländer sagt die kommende Zeit auf zynische Art voraus:

„Die Juden sind an allem schuld!
Wieso, warum sind sie dran schuld?
Kind, das verstehst du nicht, sie sind dran schuld.
Und Sie mich auch! Sie sind dran schuld!
Die Juden sind, sie sind und sind dran schuld!
Und glaubst du’s nicht, sind sie dran schuld,
an allem, allem sind die Juden schuld!
Ach so!“

Holländer emigrierte 1933 über Paris in die USA.
Friedrich Hollaender
Friedrich Hollaender:
© OTFW, Berlin – Ausschnitt aus der Gedenktafel Friedrich-Hollaender-Platz (Wilmd) Friedrich Hollaender.jpg, CC BY-SA 3.0
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